Vor Beginn des Films fährt er noch kurz mit der Fingerkuppe über ein Fassbinderbüchlein, fasst sich ins graue, gepflegte Haar und rückt sich anschließend die Brille zurecht. Er ist der perfekte Berlinale-Besucher mit Cord Jacket und ohne aufgeregt wippendes Bein.
Das Licht geht aus.
'L'Indigène D'Eurasie" (nicht ganz falsch, aber doch den Kern des Films verfehlend als "Eastern Drift" übersetzt) nimmt seinen Anfang. Die monotone Erzählstimme aus dem Off, die sich erst wieder am Schluss einschalten wird, und die dröge aneinander klatschenden Wellen sind tongebend: "Vielleicht gibt es diese Geschichte", scheint uns ein behäbig dahin gleitendes Schiff zu sagen, "aber ich könnte auch eine andere erzählen."
Die Figuren nämlich, die sich immer nur kurz in einem anderen nackten Körper vergraben, und dann wieder fliehen, gen Westen, gen Osten, den Geliebten nach - doch allesamt in die Dunkelheit, sie sind nur Symbolträger einer Gesellschaft, in der die Anhaltspunkte und Sicherheiten abhanden gekommen sind. Deswegen verzichtet der Regisseur Sharunas Bartas auf eine genaue Handlungsführung, verlässt sich auf kurze Momentaufnahmen und schafft so ein Mosaik der Heimatlosigkeit, dem alle zu entkommen versuchen. Paris, Litauen und Moskau sind die Schauplätze dieser Fluchtversuche, die schon vorab zum Scheitern verurteilt zu sein scheinen. Zu schwermütig ist Gena, der Drogendealer, der nur noch einen letzten Deal plant; zu illoyal seine Partner; zu verzweifelt seine beiden schönen Freundinnen. Und so wird der Wunsch nach einem anderen, besseren Leben unausweichlich zum blutigen, aussichtslosen Alptraum; eine Spirale aus schlechten Entscheidungen, die der Antiheld des Films so emotionslos und resigniert hinnimmt wie dann am Schluss sein eigenes Ende.
Irgendwann in der Mitte des Films, als die russische Freundin Gefahr läuft, von zwei betrunkenen Kerlen belästigt zu werden, platzt dem perfekten Berlinale-Besucher neben mir der plötzlich der Kragen und er flüstert: "Die sind ja noch schlimmer als die Türken" etwas lauter, als beabsichtigt. Dass ist jetzt also auch Berlinale, denk ich mir. Der Normalo, der nur aus Prinzip nicht NPD wählen würde, schiebt halt seinen widerlichen Arsch in die gleichen Sessel wie Di Caprio (Fresse) und Dieter Kosslick. Jetzt schwafelt er mit fauligem Atem etwas von "Gegen die Wand" - er hat bestimmt für jedes überholte Klischee nen Film parat; vielleicht sein einziger Grund, Cineast zu spielen: die Untermauerung einer Weltanschauung, für nur 7 Euro.
Vor mir auf der Leinwand eine Panoramaaufnahme von Paris, dann eine von Moskau und schließlich eine von Litauen - sie wirken wie die Anfänge eines neuen und immer gleichen Kapitels, ein einziges Welt - und gleichzeitig Stimmungsbild - groß, dreckig, gefräßig. Auch Berlin ließe sich problemlos einreihen, denke ich, aus dem Kino in die Kälte fallend. Auch hier könnten Bartas' Figuren - L'Indigènes D'Eurasie: die Ureinwohner zweier Kontinente, überall zu finden und nirgendwo daheim - umherirren. Man würde sie nicht erkennen - vielleicht, weil man ihnen selbst schon zu sehr ähnelt. Der Moloch kriegt uns alle.
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Montag, 15. Februar 2010
Freitag, 18. Dezember 2009
Das schwarze Loch
Vielleicht ist es die vorweihnachtliche Einsamkeit an der Uni und die sporadisch fallenden Schneeflocken (sporadisch fallende Schneeflocken haben etwas sehr feierlich-melancholisches), vielleicht auch der inzwischen kalte Kaffee auf meinem Tisch - was sie ausgelöst hat, wird sich wohl so schnell nicht lüften... Aber eine unbestimme Traurigkeit schlägt zu, mit voller Wucht. Der Bildungsstreik ist ne SuperSache, aber ich kann es nicht erwarten, hier endlich mal rauszukommen und NeuköllnerSchönebergerFriedrichshainer-PrenzlauerBergLuft zu schnuppern. Erschwerend dazu kommen die Nachteile dieses Streiks: Ich mag alle, aber das Wort "Wir" klingt mir fremd; insgesamt müsste vielmehr getan werden, aber ich kann und will mich nicht überall engagieren - zusätzlich ausserdem die schlechte Luft in den Hörsälen, die inzestuösen Strukturen, die sich in jeder Gruppe herausbilden, und das Bier, das man dann doch jeden Abend trinkt. Der Rückzug - wenn auch nur für eine Woche - ist bitter nötig; Kreislaufschwierigkeiten und Migräneanfälle können nicht lügen, genauso wenig, wie diese kleine Depression.
Donnerstag, 3. Dezember 2009
Das Projekt Dicker Schinken
Eine kleiner zerknitterter Zeitungsausschnitt am Kühlschrank meiner Eltern hat mir die wohl schönste literarische Entdeckung meines Lebens beschert: David Foster Wallace.
Seit Monaten arbeite ich mich nun durch Infinite Jest und kämpfe mich durch die 200 Seiten an Fußnoten. Die vorläufige Erkenntnis: Nie war ein Kampf schöner, besser, ehrlicher, berührender und bereichernder.
Die sich inhaltlich über mehrere Handlungsebenen erstreckende und aus verschiedenen Perspektiven erzählte Geschichte verbindet und kontrastiert zwei Schauplätze, die wohl verschiedener nicht sein könnten: Ennet House, ein Entziehungsheim für Süchtige und die E.T.A, die Enfield Tennis Academy, wo die nächste Generation von Tennisstars herangezüchtet wird. Beide sind bei DFW im Grunde Metaphern einer kranken und zerfressenen Gesellschaft, die er aber weder parodiert, noch vorführt, sondern, im Gegenteil: sprechen lässt. Der Begriff, der beide Institutionen verbindet und damit charakteristisch bleibt für die gesellschaftlichen Zustände, ist wohl die Effizienz, die aufgrund des allgemeinen und individuellen Scheiterns geradezu ad absurdum geführt wird. Über mehrere Seiten beschreibt er beispielsweise, was man alles von Leuten in der Suchtklinik lernen kann:
"That it is possible to learn valuable things from a stupid person.That it takes effort to pay attention to any one stimulus for more than a few seconds... That if enough people in a silent room are drinking coffee it is possible to make out the sound of steam coming off the coffee... That sometimes human beings have to just sit in one place and, like, hurt... That it is possible to fall asleep during an anxiety attack...
Im Gegensatz dazu wird das Scheitern, die Ineffizienz des eigenen Daseins, besonders deutlich am Beispiel der elitären Tennisacademy, wo die Lebensunfähigkeit den Alltag längst auszeichnet:
Im Gegensatz dazu wird das Scheitern, die Ineffizienz des eigenen Daseins, besonders deutlich am Beispiel der elitären Tennisacademy, wo die Lebensunfähigkeit den Alltag längst auszeichnet:
" I could hear faint sounds of early-morning weeping in certain rooms beyond my line of sight. Lots of the top players start the A.M. with a quick fit of crying, then they are basically hale and well-wrapped for the rest of the day."
Die teilweise ironische Färbung ändert nichts an der Tatsache, dass DFW den Leser oft an die Grenze des Erträglichen führt: Eine Drogensüchtige erzählt, wie sie tagelang die Todgeburt ihres Babys durch die Stadt trägt; ein Junge berichtet seitenlang über den sexuellen Missbrauch durch den Vater; ein Katzenmörder beobachtet intensiv den Todeskampf seines Opfers - der Leser ist immer hautnah dabei, er kann nicht entfliehen; David Foster Wallace fesselt einen sprachlich und emotional und macht einen dabei zum unfreiwilligen Zeugen, der man vielleicht nie sein wollte.
Und doch ist es gerade dieser Wust von Ereignissen, Charakteren, Emotionen und Handlungssträngen, der einen staunen und mitfiebern lässt und von dem man sich wünscht, er würde nie aufhören. 1200 Seiten mögen viel sein. Im Falle von DFW sind sie trotzdem zu wenig.
Mittwoch, 2. Dezember 2009
Alles muss raus!
Der gedankliche Schlussverkauf hat begonnen! Biete Produkte aus rationalen, sowie emotionalen Regionen...Spontan - und Langzeitfertigungen... Schwerpunkte: Labyrinthe, verlorene Puzzleteile und andere Mysterien... sicherlich nicht nur in schwarz-weisser Ausführung... hoffentlich nicht nur Tand... so lange der Vorrat reicht...
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