Samstag, 9. August 2014

Emka's Westcoast Travelogue

Hallo liebe Freunde der Reiseimpressionen,

für die nächsten drei Wochen wird dieser verwesende Blog nun reanimiert: hier gibt es nun Fotos, Text, vielleicht sogar Bewegtbild aus rund 8000 Kilometern Luftlinien-Entfernung. Und zwar immer dann, wenn Schreiblust und WLAN vorteilhaft zusammen treffen. Ich wünsche frohes Fernweh und freue mich über euer Mitlesen.

Sonntag, 10. April 2011

Ganz schön hipsteresk

Is noch gar nicht lange her, da hab ich den Hipster für ne ziemlich coole Sau gehalten. Da kannte ich ihn aber auch noch nicht. Ich kannte nur seinen Wirt, oder eher: sein Nest. Kneipen mit Tapetenresten und Leimspuren aus den 60ern an den Wänden, mit Möbeln im UnSchick, aus verschiedenen Jahrzehnten wahllos zusammengewürfelt. Und dazu billiges Bier. Abhängen konnte man da, unbeobachtet. Ab und zu wollte eine Laufsteg spielen, verfing sich dann aber mit ihren Boots in den unregelmäßigen Bodenlöchern und stolperte zuckersüß.

Damals - so konstruiert es die Erinnerung idealisierend - gab es nur drei, vier Hipsterkneipen in Neukölln, und sonst einen großen Haufen Döner- und Gemüseläden. Die Leute sahen alternativ aus, weil Neukölln tatsächlich eine Alternative zum gentrifizierten, überrannten Friedrichshain geworden war. Die Kneipen im reduzierten HabeNichtsStyle entstanden dann neben einer beliebigen Hertha-Fan-Kneipe und waren meistens ziemlich leer. Dort wehte der Charme des Mittellosen, Unfertigen, des Spontanen, der "Wir-stellen-jetzt-Holzkisten-nebeneinander-und-tun-so-als-wär-das-ein-Schloss"- Attitüde. Unauthentisch war das natürlich schon damals. Der normale Hipster -damals noch eine vereinzelte Freakerscheinung - war natürlich nicht mittellos, sondern stolzer MacBook-Besitzer, natürlich nicht unfertig, sondern mit konkretem Plan "was mit Medien in Berlin zu machen", aber vielleicht doch auch in einem 08/15-Unternehmen tagtäglich die eigene Seele zu Grabe zu tragen. Und weil der Hipster nichts so sehr fürchtet, wie das Außenseitertum, hat er sich mit seinesgleichen zusammengerottet und ist jetzt total wichtig. Praktisch hauptberuflich.

Die Zeitschrift Opak - szenig, und trotzdem immens lesenswert - hat sich dem Untergrund und den Hipstern zugewendet, offenherzig und schnoddrig, so dass beim Lesen tatsächliche Hipsterwesen von den Seiten aufzuerstehen und über die neueste Indie-Band zu schwadronieren scheinen, nur um sich dann aus den eigenen vier Wänden zu verziehen, unter dem Vorwand, eine absolut andere, alternative und neue Art von Party besuchen zu müssen (natürlich schiebt sich das Hipsterwesen fortwährend die Brille den Nasenrücken rauf, weil die so riesig ist, dass selbst ein Riese Gullivers Probleme hätte, sie korrekt im Gesicht zu halten), dann ist es endlich weg.

Opak entlarvt diesen vermeintlichen Geist des Anderen, als ein sich immer wieder neu inszenierendes, letztendlich immer gleiches Gesicht des Pop, des Mainstream, der Normalität, der Entpolitisierung. Großartig und zeitnah, so dass ich der Berliner Szene nach meinem Rückzug nicht haltlos und ratlos ausgeliefert bin. Gestern treffe ich mich mit alten Neuköllner Freunden (seit unglaublichen 8 Jahren im Bezirk) und die Hipster drängeln in wichtigen Gesprächszirkeln von der Kneipe bis zum Bordstein, so dass man sich gewaltsam durchpressen muss durch die individuelle Uniformierung, geradezu in bürgerlicher "Entschuldigung, kann ich mal"-Manier und diesem unentspannten Lächeln, das man sich sonst Bahnkontrolleuren vorbehält. Dank Opak weiß ich jetzt, das ich mich nicht nur aufgrund akuter Outness ausgeschlossen fühle, sondern auch, weil das Hipsterwesen nach politischer und kultureller Verwesung riecht. Das beruhigt mich. Innerlich sing ich dann ein bisschen Beatles, obwohl die auch scheiße waren. So im Style "Wedding, nun bist du dran": Take a sad song and make it better.

Sonntag, 27. März 2011

Bohemian raptures - Robert Mapplethorpe

Die Assoziationskette beendet den Gedanken und schließt die Kategorienschublade effektiv. Helmut Newton: Model und High-Society; Annie Leibovitz: Susan Sontag, Demi Moore nackt&schwanger; Cartier-Bresson: Magnum zwischen Sozialkritik und Sozialästhetik - selten sprengen Ausstellungen und Retrospektiven die eigene Horizontlinie und die Erfahrung geht mit der eigenen Erwartung letztendlich doch konform. C/O-Gallery, Berlin und der Name Robert Mapplethorpe - Assoziationskette : S/M, Narzissmus, Patti Smith, New Yorker Bohème, Penis, Penis, Penis. Letzterer als Stillleben, als absurdes Objekt à la Man Ray oder auch tatsächlich als Momentaufnahme der New Yorker Szene. Auf jeden Fall Penis.
Den gibt es dann natürlich auch im Übermaß. Auch das erwartete Bondage-Foto, auf dem sich Mapplethorpe mit aggressivem Blick über die Schulter vergewissert, dass der Betrachter der rektalen Einführung einer Reitgerte auch ganz sicher gewahr wird. Nun ja. Wichtig für die Zeit, aber so richtig hats mich nie vom Hocker gehauen - einzig die Patti Smith Portraits fand ich immer sehr ansprechend.
Dann der Schock: ein Raum voller Polaroids, die Mapplethorpe am Anfang seiner Karriere als fotografisches Medium einsetzte. Damals war es paradoxerweise die Armut, die Perfektionismus gebar: Selbst Polaroids waren eine horrende Ausgabe, so dass jedes Foto sitzen musste. Und das tut es. Fast kein Foto wirkt zufällig oder gar "nebenbei". Der Mythos Polaroid, der ja durch Worte wie Unmittelbarkeit, Momentaufnahme, Spontaneität und Authentizität geprägt wurde, wird hier ad absurdum geführt. Jedes Foto ist aufs Penibelste ausgeleuchtet und gestellt; die entstehenden Tiefen im Bild sind meisterlich - der unsichere Blick des Fotomodells gerät zur genauen Charakterstudie, die Selbstportraits zu fein gezeichneten, entrückten Dramen. Hier zeigt sich deutlicher als bei den gerahmten, nackten Schönen (Penissen), was Mapplethorpe an Feingefühl und ästhetischem Know-How so mitbrachte. Kein Fetisch-Fotograf, sondern ein Meister des großen Schauspiels. Grandios.
Neben mir stolpert die Indie-Baggage, die der C/O Gallery ihren alternativen Ruf einbringt, auf die Genitalien zu, kichernd. Ein kleiner Laufsteg wabbert durch die Räume, Nickelbrillen und Blahniks, Tolle und geföhnter Pony. Ich wackele ihnen hinterher, durch die Räume mit dreckigen Betonböden und unverputzten Wänden und denke kurz, dass das Ambiente der C/O Gallery der New Yorker Künstler - und Atelierszene, die in Mapplethorpes Polaroids immer hintergründig hindurchschimmert, doch fast schon gleichkommt. Mapplethorpe hits home, oder so. Als dann Louise Bourgeois mit ihrer Penisskulptur "Filette" unterm Arm die BetrachterIn frech angrinst, bin ich mir sicher, dass Mapplethorpe oft in der falschen Schublade landet und die Assoziationskette als Mittel der schnellen Kategorisierung auf den Müll gehört. Ich beschließe ihre sofortige mentale Zerschrottung. Zumindest bis zur nächsten Ausstellung.

Montag, 28. Februar 2011

Und das Ende vom Lied - Ist vielleicht Schlafen doch besser?

My oh my. Natalie Portman hat den Oscar für ihren hervorragenden Babybauch und ihre baldige Mutterrolle bekommen. Großartig. Jetzt brauch sie nur noch anfangen, in relevanten Filmen mitzuspielen. Oder Jennifer Lawrence kriegt einfach noch irgendwann nen Oscar. Dann guck ich die Chose wieder. Ach, ein Lichtblick, nicht nur Colin kriegt noch einen - "The King's Speech" kriegt den Oscar für den besten Film und straft die fürchterlich belanglose Veranstaltung mit ihrer SocialNetwork-Mentalität und ihrem fantasielosen MusicVideo-Charme gnadenlos ab. Wenn jetzt noch Anne Hathaway versehentlich an ihrem eigenen Grinsen erstickt, war es dann doch noch irgendwie ne schöne Nacht.

Ein neues Tief tut sich auf

Standing Ovations für eine weitere Anmoderation und es ist niemand Geringeres aaaals Billy Crystal. Die Inkarnation eines glucksenden Lachens, die Geburt des Humors - ähhh: nicht. Ein weiteres Indiz für die knochentrockene, blutleere Veranstaltung, der ich inzwischen kleinäugig beiwohne.
Oh mei, ist das lahm. War es ja schon immer, aber es hatte Stil. Dreßig Sekunden ist James Franco mal ganz Frau, ganz Drag und es ist einfach unfassbar öde. Vielleicht lässt sich ja die diesjährige Preisverleihung doch daran messen, dass ein Oscarfavorit musikalisch von Trent Reznor untermalt wurde - Nine Inch Nails zum Kuscheln und Ganz-Fest-In-Den-Arm nehmen, da hört halt dann doch die Welt auf.

Philosophieren übers Gewinnen

Tränen: Mitnichten ist das Geheule auf der Bühne eine Art emotionale Reaktion oder Überforderung - vielmehr ist sie die Sprachlosigkeit, die Ermangelung intelligenter Worte. Namen vergessen: kein Schock, sondern vielmehr ein wahrhafter Moment des geadelten Narzissmus, der endlich mal ganz mit sich allein ist. Vergiss die alberne Ehefrau!