Erst ist Nichts. Und dann bin ich wach, es ist dunkel, ich bin aus keinem Traum erwacht. Sofort der Gedanke: Raus da, weiter San Francisco entdecken, oder ab in den Boltbus oder in den Amtrak, woanders hin, die brennende Sonne im Nacken, auf der Stirn. Nun die langsame Erkenntnis: Ich bin nicht mehr dort, ich bin hier, in Deutschland, in Ludwigsburg, in der WG, im Bett. Und ich muss nichts entdecken, ich muss aufstehen und arbeiten.
Noch nie war der Jetlag so mental, so unkörperlich körperlich. Den Avatar und den Körper habe ich unlängst wieder in den Alltag entlassen. Aber die ganze Marie hats noch nicht wieder nach Schwaben geschafft. Zu sehr hängt das Gewesene nach, zu real war es, zu interessant.
Die letzte Station ist also San Francisco. Ich humpel fröhlich. Zuerst die Beatnik-Stationen: Der von Lawrence Ferlighetti gegründete City Lights Bookstore / Publisher, der Allen Ginsbergs berühmt-berüchtigte Anthologie "Howl" 1956 veröffentlichte. Der Laden ist schön, kann aber natürlich nicht mit Powells Bookstore mithalten, außerdem ist das Personal zu cool, um hallo oder tschüss zu sagen. Ich strafe sie durch Konsumabstinenz und fahre auf den Telegraph Hill, zahle sogar den Coit Tower, um mir den Rundumblick auf San Francisco zu geben - Alcatraz, Golden Gate, alles lockt, und die anderswo seltsame Mischung aus altem, viktorianischem Häuserbau und moderner Hochhausarchitektur kommt mir zum ersten Mal sinnvoll, ja: schön vor. Von der überlaufenen Lombard Street gehts zur Fishermen's Warft. Es ist ein Ärgernis: Wo in Seattle die Privatgrundstücke den Blick auf das Meer verbargen, tun es hier die aufgebrezelten Piers und Corn Dog Inseln.
Nach einem wundervollen Tamale beschließe ich, mit den Geistern der Beat-Generation Kaffee zu trinken, im Caffe Triéste. Ein italienisches Leckerli in europäischer Betthupferl-Größe landet auf meinem Teller, sofort kommt vom Nebentisch ein "Wow, that's an enormous treat!". John ist Frisör, er hat schon mal dem Bürgermeister von San Francisco die Haare geschnitten, außerdem hat er sich beim Klettern in den Bergen die Knie gebrochen, aber Life is beautiful! Er zeigt mir Fotos, bietet mir Stadtrundfahrten an und schimpft auf political correctness. Dann behauptet er auch noch der Enkel des berühmten Jahrhunderfotografen Paul Strand zu sein. Es ist zu schön, um wahr zu sein - denke ich. Vielleicht ist es aber nur die in Seattle gewachsene Skepsis. Jedenfalls melde ich mich nicht wieder bei Paul, um mir von ihm sein San Francisco zeigen zu lassen - obwohl ich mir sicher bin, dass er mir tolle Ecken vorgeführt hätte, und obwohl ich mir sicher bin, dass er als schwuler Mann keine nächtlichen Autoküsse herbeiwünscht.
Des abends dafür Abendessen mit einem Freund einer Freundin. Er will nach Mission und ich glaube auch ihm kein Wort, als er behauptet, dass sei der schönste Stadtteil, der interessanteste Stadttteil von San Francisco. Aber ich sehe natürlich sofort, dass er Recht hat, als wir ankommen. Mission selbst mag seine dubiosen Ecken haben - grad um den Bahnhof 16th St. Mission herum - aber in den mit Wandbildern versehenen Gassen und auf der Valencia spürt man nix davon. Dafür echtes Kalifornienflair mit Palmen, die aus den Asphaltecken staken, und der stark sichtbare Einfluss der lateinamerikanischen Community. Hier esse ich das vielleicht geilste vegetarische, vegane Essen meines Lebens im Chinese Mission: Reistaler, Bitter Melon, Szechuan Pfeffer und Tofu Haut, mit einer großen Männerhand Koriander drüber. Dann zeigt mir Dave den Dolores Park mit wunderbarem Blick über die Nacht werdende Stadt.
Der Dolores Park liegt zwischen Mission und Castro, und es braucht nur ein paar Minuten bevor wir vor dem historischen Fotoladen "Human Rights Campaign Store" stehen, den Harvey Milk als "Castro Camera" 1973 eröffnete. Das Castro ist unglaublich relaxt, belebt und sympathisch, und nach einem Cookie im Hot Cookie (ich skippe den Penis Cookie, der natürlich angeboten wird) wird der Abend sehr gemütlich im Blackbird beschlossen. Ich schätze, die Zeit für den Moscow Mule läuft ab: Pimms Cup (Pimms, Cucumber-Infused Gin, Ginger Ale) ist mein neuer Lieblingscocktail.
Am nächsten Tag gebe ich mir dann noch mal richtig das Touristenprogramm mit Ocean Beach, Golden Gate Park, Haight und Golden Gate Bridge, bis das Knie mir fast an die Gurgel geht. Das Fazit ist gemischt: während mich Ocean Beach und Golden Gate Bridge mit Fernsichten und Sehnsüchten begeistern, kann ich dem Golden Gate Park (zu viele Straßen) und dem Haight, dem ehemaligen Hippieviertel der Stadt, nichts abgewinnen (die Blumen im Haar sind welk und Räucherstäbchen sollten verboten werden). Kulinarisch beschließe ich den Tag mit der von Dave heiß empfohlenen Chicago Pizza, die wirklich lecker ist, aber immer noch eine amerikanische Pizza. Dabei erhalte ich von Dave Einblicke in die amerikanische Kaffeekultur: "Everyone's really particular about their coffee. If you ask them, what they prefer, they'll go 'I like this one fine Guatemala brand, really dark, with a cardamom note to it.' However, if you assemble a few people and ask them to choose their pick, they will always go for the most bland, watery stuff that's on offer." Ich muss ein bisschen lachen. Schön, dass sich die in allen Dingen selbst überbietende und individualisierte Dienstleistungsvielfalt so einfach und banal selbst entlarvt. Ich nehme seine Worte also mit in den Kaffeeladen, der auf dem Weg zum letzten Amerika-Konzert liegt und bestelle ganz simplen Kaffee, nicht mal nen Cappuchino. Vielleicht habe ich mich grad sogar selbst ertappt gefühlt?
Vor dem Venue verabschiede ich Dave, der noch einen nächtliche Wanderung vor sich hat und rauche eine. Neben mir ein anderer, vereinzelter Raucher, abseits stehend. Groß, dunkelblond, Dreitagebart. Wir werfen uns ein paar interessierte Blicke zu, dann beschließe ich, dass ich noch die Straße ablaufe - der Typ ist bestimmt Barkeeper und eh gleich drinnen. Oder eben nicht. Pustekuchen: Zu späterer Stunde wird sich der Blickkontakt als Dom Maker und damit Mount Kimbie himself (der andere Teil des Duos, Kai, konnte aufgrund von Visaproblemen nicht einreisen) entpuppen und sich vor allem dadurch hervortun, das Publikum mit dem Arsch anzuschauen. So schön sein Set auch in Teilen ist: Ich gebe nie wieder Geld für ein DJ-KONZERT aus, höchstens, wenns als richtige Party erkennbar ist - die der Abend im schönen The Chapel nie so richtig wird.
Am nächsten, ja am letzten Tag gehts gleich noch mal zurück nach Mission, bummeln, Kaffee trinken, schauen, bevor ich nach Sacramento abhaue, das ich undankbar nicht mal mehr als Stadt, sondern nur als Flughafen wahrnehme, obwohl mich der Rezeptionist im Hostel noch in die nächtliche Partyszene schicken mag. Von Sacramento sehe ich also nur: das tote, dunkle Finanzviertel, in dem die Hostelvilla wie ein sehr schönes Hitchcock-Haus thront und das Thai-Restaurant, das unglaublichen Salat serviert. Aber im Grunde fühle ich mich allein durch die Anwesenheit einer Stuttgarterin im Mehrbettzimmer an den Rückflug erinnert, den ich nun antreten muss. Am nächsten Tag fällt mir vor dem Gate beim Taschenwühlen die gemaserte Muschel in die Hand, die ich am Ocean Beach souvenirheischend eingesteckt habe. Ich würde sie gern wieder zurückbringen. Sie fühlt sich ganz weit weg an.
Donnerstag, 4. September 2014
Samstag, 30. August 2014
Elendiges Dazugehören // Portland nach San Fran
| Marie im coolen Portland-Zimmer |
Als ich die Tür öffne, faltet der alte Indianer gerade Zeltplanen zusammen, die sein Überleben in der Wüste sicherstellen sollen. Er tut es akribisch, aber ein bisschen liederlich. Es ist harte Arbeit. Dann öffnet der Indianer seinen Mund und ist eine Frau. Marina, die im nördlichsten Teil Kaliforniens in einer 2000-Einwohner-Stadt wohnt, eine Überlebenskünstlerin, eine Überlebende. Die Linien im Gesicht, die drahtige Vehemenz ihres Auftretens, das musikalisch Gestikulierende: hier hat jemand viel gesehen, viel gefühlt, aber auch viel ausgehalten. Marina ist keine Durchreisende und auch keine Hängengebliebene - ihr Aufenthalt im Green Tortoise Hostel in San Francisco ist geplant, minutiös. Sie ist eine von etwa 100 Green Tortoise Gästen, die am nächsten Morgen nach Nevada in die Black Rock Desert aufbrechen werden, zum Burning Man.* Marina wollte anlässlich ihres jüngsten Geburtstages mit ihren Kindern verreisen, doch die Kinder hatten eigene Pläne, wollten oder konnten nicht. Da schenkte sich Marina kurzerhand Burning Man selbst zum Geburtstag. Zu ihrem 70.
Marina rümpft die Nase, als ich ihr erzähle, dass ich grad aus Portland komme, sie ist in Portland geboren und aufgewachsen. "It's such a dirty city, I hate dirty cities." Dirty? Ich muss mich wohl verhört haben, aber ein Eintrag auf Wikipedia sagt mir tatsächlich, dass Portland lange den Ruf hatte, dreckig, also kriminell und runtergekommen, zu sein. Not for a long time since though. Portland ist jetzt Hipstertown. Außerdem ist sind dank ihrer 1000 Rosensorten die City of Roses und noch dazu Brückenstadt: 14 Brücken verbinden die Stadtteile entlang der Ufer des breiten, eleganten Willamette Rivers und des Columbia Rivers. Portland ist individuell, ökologisch bewusst lebend, zivilgesellschaftlich engagiert. Portland ist - wenn man über die Brücke aus Downtown rausfährt- bunt, gemütlich, relaxt und trotz Hipstereskität erstaunlich unprätentiös, ein bisschen im Hippiemodus.
Die WG passt dazu wie die Faust aufs Auge. Kelsy, mein Airbnb-Gastgeber, ist selbst in Europa, aber Olivia - deutsche Fulbrightstudentin im Fachgebiet "Colloborative Design" - und Marcus - der als Taxifahrer arbeitet, bekomme ich zumindest peripher zur Gesicht. Sie haben schicke ausrasierte Haare und sorgfältig gedrehte Minidreads. Die WG ist LGBT-friendly und der Kühlschrank quillt über mit veganen, selbst gemachten Köstlichkeiten. Das Haus ist gemütlich-eklektisch möbliert und duftet leicht nach Patchouli, das Futonbett ist verboten bequem, obwohl man die Interstate permanent rauschen hört.
Hauptschlagadern des jungen, alternativen Lebens in Portland sind Hawthorne, Mississippi und Alberta, ein schöner Vintage- oder Lifestyle-Store neben dem nächsten, Foodcarts -mobile kleine Wägelchen, die mit ihren Köstlichkeiten durch die Stadt touren- an jeder Ecke, jeder Laden winkt mit originellen, personalisierten Botschaften oder den jeweiligen Speiseaufgeboten in wunderbarer Oldschool-Schreibe auf Schiefertafeln, an jeder Ecke steht jemand und verteilt Flyer (ganz großes Thema im bewusst lebenden Portland: GMO-Verbote).
Ich lasse mich also auf dem Fahrrad - dessen Stoßstange mir, sicherlich unbeabsichtigt, einen weiteren blauen Fleck auf dem gleichen Knie beschert, sodass das Gehen ziemlich weh tut - durch die Stadt treiben, trinke einen freshly brewed coffee auf einem weiteren Farmers Market. Auf der Suche nach einem guten, günstigen Abendessen sehe ich plötzlich den Hippie und Spaßvogel im Pub sitzen, der mir das Fahrrad im Laden ohne Helm ausgeliehen hat. Ich setze mich zu ihm und bestelle das Pubessen schlechthin: cheddarüberbackene Pommes. Der Spaßvogel heißt Chris und wir trinken Bier und sprechen über die Zeit, in der er mit einer befreundeten Punkband durch Europa inklusive Schwaben tourte. "Oh Stuttgart. Yes, I know Stuttgart. The band played in Esslingen." Die Welt bleibt klein. Wegen Chris verpasse ich dann auch Snowpiercer in einem der speak-easy-Kinos, in denen sie einem das frisch gezapfte IPA zum Platz bringen. Aber so ist das wohl: selbst das favorisierte Reiseprogramm verliert gegen die zwischenmenschliche Begegnung. In jedem Fall beschleicht mich beim Verlassen Portlands das Gefühl, hier wohl länger sein zu können, obgleich ich mir nicht sicher bin, ob ich in diese hippe Gemütlichkeit passe, obgleich ich mir sicher bin, dass ich wohl nicht so artsy und positiv-engagiert bin wie der DurchschnittsHawthornianer.
Das positive Portlandgefühl würde ich auch gern Marina, dem alten Indianer im Hostel, vermitteln, aber sie würde mir wohl nicht glauben. Sie ist ohnehin viel zu sehr im Burning-Man-Fieber, genau wie Susi und Jen, mit denen ich auch ein Zimmer teile. Die beiden sind um die 30 und stellen grad den eigenen Status Quo in Frage. Und das sind die Burning-Man-Sachverhalte, die sie umtreiben: Was werde ich tragen, wie soll es zusammengenäht sein, da müssen noch Perlen dran. Wie wird das mit dem feinen Wüstensand? Soll man überhaupt versuchen, irgendwo zu duschen? Nur Eyecandy-Shopping oder einfach mit jedem schlafen, der einem gefällt? Nach drei Stunden Burning Man Talk bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich da jemals hin möchte, ob ich Burning Man für ein echtes Gruppengefühl der Inklusion und Toleranz oder einfach für einen Szenepseudohippieveranstaltung halten soll. Ich möchte irgendwie dazugehören und gleichzeitig nicht. Mein ewiges Dilemma. Mit dem Portlandhipstergefühl durchaus vergleichbar.
Am Dienstagmorgen sind die Busse weg, mein Zimmer leer und ich muss mich - allen wunderbaren Begegnungen zum Trotz- Gott sei Dank nicht mehr fragen, ob ich Teil der Gruppe sein will. Ich bin einfach wieder Marie, allein, in einer der coolsten Städte der Welt.
*Link für alle bisher Unbedarften, und hier Bilder aus diesem Jahr: http://www.theguardian.com/culture/gallery/2014/aug/30/burning-man-festival-in-pictures
Montag, 25. August 2014
Mit nem Koffer voll Musik nach Portland
Nach so vielen Tagen Seattle habe ich jetzt endlich Frieden gemacht mit meiner mir eigenen Identität als Reisende. So habe ich festgestellt: Wenn ich allein in fremden, neuen Städten unterwegs bin, dann mäandere ich am liebsten. Ich schau ein bisschen hier und da, gucke mir vielleicht eine Ausstellung an, trinke einen Kaffee, spazierend oder schnellen Schrittes. Was ich scheinbar hingegen nicht tue: mir Tagestouren, Gruppentouren buchen und mich zu Orten bringen lassen. Auch in Seattle gab es also keinen Mt. Rainier für mich, dafür dann das erleichternde Gefühl, da Hier und Jetzt ohne permanenten Sighseeing-Druck genießen zu können. Für die unglaubliche Natur jenseits der Städte müssen nun wohl Fahrstunden genommen werden - oder es ergibt sich, dass jemand anders fährt. Ein weiteres Mal Westküste steht also jetzt schon aus.
Und so war Seattle: Weird, in sich sehr separiert, man möchte fast sagen: segregiert. Auch wenn es ein bestimmtes Publikum immer zu geben scheint, man hat das Gefühl, es sei mit der Integration beziehungsweise mit dem selbstverständlichen Miteinander der weißen und der afroamerikanischen Bevölkerung nicht so weit her. Das fällt vor allem bei gemeinschaftsstiftenden Veranstaltungen wie den Farmers Markets auf, die mind. einmal wöchentlich in den einzelnen Vierteln abgehalten werden. Die saisonalen Produkte aus regionalem Anbau werden zu stattlichen Preisen angeboten. Das frequendierende Publikum ist weißer Mittelstand. "Integration is a myth," wie meine airbnb-Gastgeberin dazu sagen würde.
Trotz der Ähnlichkeit vieler Viertel lassen sich doch Nuancen der Differenz ausmachen, um mal mit Berlin zu sprechen:
Ballard: Prenzlauer Berg mit backsteinroter Potsdam-Gemütlichkeit
Capitol Hill: LGBT und Linksalternative Crowd, allerdings oft mit gesetztem Einstein-Café-Charakter
Columbia City: Miniatur-Bergmannkiez
Queen Anne: schnuckeliges Westend
West Seattle: sympathischer Moabit-Verschnitt
Hillman City: Neukölln vor 10 Jahren
Neben allem Flanieren, Spazieren, Wandern, Meer gucken und baden: Der rote Faden war definitiv die Musik - am Dienstag der Indiepop- Singersongwriter Chris Staples mit famoser Vorband, nämlich Valley Maker, deren Youtubevids leider nicht die gleiche David Graysche Intensität und Rauhheit in sich tragen, wie es live der Fall war. Donnerstag dann ein spontaner Konzertbesuch bei "Tag 2.0", einem Musikexperiment mit fünf Live-Bands unterschiedlicher Genres, die ihre Sets mit jeweils einem gemeinsamen Stück ineinander fließen ließen. R&B, Loop artistry, Soul, Pop fanden so zueinander - und alle warense gut. Mein Favorit: Hobosexual, eine Stonerbluesmetalband (oh ja!), die allein schon für ihren Namen ewigen Fandom verdient. Komischerweise auch beeindruckend: das Frank Gehry Kitschmonstrum EMP, Museum für Musik, Cineastisches und Popkultur im
Allgemeinen. Pädagogisch sicherlich zweifelhaft aufbereitet, mit genügend Kopfschüttelpotential an der visuellen Musikgeschichtenfront (Kniefälle vor Macklemore und Kanye West, braucht's das wirklich?!), aber mit einer geradezu anrührenden, umfassenden Nirvana-Artefakten-Sammlung, die auch ein Kontextualisierungsversuch ist. Und hier ich entdecke lauter neue, laute Musik, vor allem Grunge und Punkbands, die mir peinlicherweisekein Begriff waren. Allein dafür hat der horrende Eintrittspreis allemal gelohnt.
Neue Lieblingslieder: Butthole Surfers - Hey, The Gits - Second Skin, Love Battery - Between the Eyes, Blackouts - Dead Man's Curve. And many more.
Neben der Musik prägt Seattle natürlich das Zwischenmenschliche: der Tankstellenwart Carter, der mir mitten in der Nacht Kaffee und Cookies spendierte und mir nebenbei verriet, dass Seattle eine verdammt hohe Selbstmordrate habe (und der mir so eine Angst vor dem nächtlichen Fußweg machte, dass ich den widerlichen Kaffee sogar brauchte), Sam, der mit mir Chris Staples bewunderte, der leicht dubios bleibende Patrick, von dem ich mich wider aller jemals gelernten guten Ratschläge heimfahren ließ, weil er so viel von Auren quatschte, dass ich bereit war, an das Gute im Menschen zu glauben, oder der schöne, bärtige Hipster Andy. Beschlossen wurde Seattle niveaubefreit beim schon angekündigten Karaokesingen (das Dic Pic ist für manche Leute erschreckenderweise ein Gesprächsthema) und der wohl teuersten Taxifahrt meines Lebens. Dafür hat ja das Vintagekleidchen nur 8 Dollar gekostet.
Und so war Seattle: Weird, in sich sehr separiert, man möchte fast sagen: segregiert. Auch wenn es ein bestimmtes Publikum immer zu geben scheint, man hat das Gefühl, es sei mit der Integration beziehungsweise mit dem selbstverständlichen Miteinander der weißen und der afroamerikanischen Bevölkerung nicht so weit her. Das fällt vor allem bei gemeinschaftsstiftenden Veranstaltungen wie den Farmers Markets auf, die mind. einmal wöchentlich in den einzelnen Vierteln abgehalten werden. Die saisonalen Produkte aus regionalem Anbau werden zu stattlichen Preisen angeboten. Das frequendierende Publikum ist weißer Mittelstand. "Integration is a myth," wie meine airbnb-Gastgeberin dazu sagen würde.
Trotz der Ähnlichkeit vieler Viertel lassen sich doch Nuancen der Differenz ausmachen, um mal mit Berlin zu sprechen:
Ballard: Prenzlauer Berg mit backsteinroter Potsdam-Gemütlichkeit
Capitol Hill: LGBT und Linksalternative Crowd, allerdings oft mit gesetztem Einstein-Café-Charakter
Columbia City: Miniatur-Bergmannkiez
Queen Anne: schnuckeliges Westend
West Seattle: sympathischer Moabit-Verschnitt
Hillman City: Neukölln vor 10 Jahren
Neben allem Flanieren, Spazieren, Wandern, Meer gucken und baden: Der rote Faden war definitiv die Musik - am Dienstag der Indiepop- Singersongwriter Chris Staples mit famoser Vorband, nämlich Valley Maker, deren Youtubevids leider nicht die gleiche David Graysche Intensität und Rauhheit in sich tragen, wie es live der Fall war. Donnerstag dann ein spontaner Konzertbesuch bei "Tag 2.0", einem Musikexperiment mit fünf Live-Bands unterschiedlicher Genres, die ihre Sets mit jeweils einem gemeinsamen Stück ineinander fließen ließen. R&B, Loop artistry, Soul, Pop fanden so zueinander - und alle warense gut. Mein Favorit: Hobosexual, eine Stonerbluesmetalband (oh ja!), die allein schon für ihren Namen ewigen Fandom verdient. Komischerweise auch beeindruckend: das Frank Gehry Kitschmonstrum EMP, Museum für Musik, Cineastisches und Popkultur im
Allgemeinen. Pädagogisch sicherlich zweifelhaft aufbereitet, mit genügend Kopfschüttelpotential an der visuellen Musikgeschichtenfront (Kniefälle vor Macklemore und Kanye West, braucht's das wirklich?!), aber mit einer geradezu anrührenden, umfassenden Nirvana-Artefakten-Sammlung, die auch ein Kontextualisierungsversuch ist. Und hier ich entdecke lauter neue, laute Musik, vor allem Grunge und Punkbands, die mir peinlicherweisekein Begriff waren. Allein dafür hat der horrende Eintrittspreis allemal gelohnt.
Neue Lieblingslieder: Butthole Surfers - Hey, The Gits - Second Skin, Love Battery - Between the Eyes, Blackouts - Dead Man's Curve. And many more.
Neben der Musik prägt Seattle natürlich das Zwischenmenschliche: der Tankstellenwart Carter, der mir mitten in der Nacht Kaffee und Cookies spendierte und mir nebenbei verriet, dass Seattle eine verdammt hohe Selbstmordrate habe (und der mir so eine Angst vor dem nächtlichen Fußweg machte, dass ich den widerlichen Kaffee sogar brauchte), Sam, der mit mir Chris Staples bewunderte, der leicht dubios bleibende Patrick, von dem ich mich wider aller jemals gelernten guten Ratschläge heimfahren ließ, weil er so viel von Auren quatschte, dass ich bereit war, an das Gute im Menschen zu glauben, oder der schöne, bärtige Hipster Andy. Beschlossen wurde Seattle niveaubefreit beim schon angekündigten Karaokesingen (das Dic Pic ist für manche Leute erschreckenderweise ein Gesprächsthema) und der wohl teuersten Taxifahrt meines Lebens. Dafür hat ja das Vintagekleidchen nur 8 Dollar gekostet.
Mittwoch, 20. August 2014
Amerika und Europa-Klischees im Test
Ich weiß nicht, wer geschockter vom jeweils anderen ist: ich von Seattle oder Seattle von mir. Ich steige aus dem Bus, brauche Wegeleitungsinfos und werde zwei mal nacheinander von Seattlern richtig frostig behandelt - die schöne Chinesin schaut mich an, als würden auf mir kleine widerliche Tierchen hausen, und die Intellektuelle, als hätte ich offensichtlich den Verstand verloren. Da erwartet man amerikanische Freundlichkeit und dann sowas! Aber so ist das mit den Klischees: sie stehen immer massiv im Weg rum.
Das verändert sich auch nicht, als ich schließlich an der South. Brandon Street aussteige. Nachdem ich mich durch eine dicke Duftwolke gekämpft habe (Gott sei Dank hat mich Vancouver auf so Einiges vorbereitet, hier bietet die Cannabis Clinic für Neukunden "1 Gram for free" an), beschließe ich, schnell noch eine zu rauchen, bevor ich meiner Airbnb-Gastgeberin die Hand schüttle. Ich laufe also rauchend mit dem überdimensionierten Rucksack und von der Seitenstraße kommt eine dicke, blonde Amerikanerin den Hügel hoch, eine schwere Pappschachtel tragend. Da stehen wir also kurz: die beiden Klischees USA und uraltes, altmodisches Europa. Und wir wissen gar nicht, wie uns plötzlich geschehen ist.
In der nächsten halben Stunden bestätigt sich ihr Bild des Unverständlichen, europäisch Fremden: kein Smartphone, quasi führerscheinlos und dann auch noch Vegetarierin. "Well, if you are a vegetarian, then I'm the opposite. I eat a lot of meat, I mean A LOT" entgegnet sie selbstbewusst, die mit Bacon und Käse triefenden Nachos in sich reinstopfend, die sie sich grad auf dem Heimweg nach der Pediküre gegönnt hat. Auch abseits ihrer Essensgewohnheiten scheint sie mir äußerst repräsentativ zu sein - ein seltsames Gefühl ist das, gleichzeitig beruhigend - weil so konform mit den eigenen Vorurteilen - und gleichzeitig erschütternd in seiner schablonenhaften Trivialität, immer die Dinge vorzufinden, die man ja eigentlich schon erwartet. Überall im Haus befinden sich jedenfalls Familienbilder der properen Familie, blondiert, drapiert, lächelnd.
Danach offenbaren sich jedoch sympathische Nerdismen und etwaige, politisch sympathische Ansichten. Julie hat dem Game of Thrones Fandom eine richtige Krone aufgesetzt: auf ihrer Wade prang ein Tattoo mit den Worten A READER LIVES A THOUSAND LIVES. Der Nerd Julie arbeitet im Health Care Management und ist deswegen kaum zu Hause. Ist sie zuhause, dann läuft Game of Thrones. Dass sie am Arsch der Stadt wohnt, stört sie nicht - und alle airbnbgäste bis auf die seltsame Europäerin hätten ja auch schließlich Autos. Allerdings würden manchmal Anfragen kommen, ob sich hinter der von ihr beschriebenen Diverse Neighborhood irgendwelche messerstechenden Gangsterklischees verbergen könnten. "And then I usually write back: with diverse I mean multi-ethnic, I feel save and finde and so should you. I mean there are lots of black people, but if you've got a problem with that, that probably means you're racist." Am Freitag will sie mit einer Freundin in ein chinesisches Restaurant Karaoke singen gehen - da gehe ich natürlich mit.
Das verändert sich auch nicht, als ich schließlich an der South. Brandon Street aussteige. Nachdem ich mich durch eine dicke Duftwolke gekämpft habe (Gott sei Dank hat mich Vancouver auf so Einiges vorbereitet, hier bietet die Cannabis Clinic für Neukunden "1 Gram for free" an), beschließe ich, schnell noch eine zu rauchen, bevor ich meiner Airbnb-Gastgeberin die Hand schüttle. Ich laufe also rauchend mit dem überdimensionierten Rucksack und von der Seitenstraße kommt eine dicke, blonde Amerikanerin den Hügel hoch, eine schwere Pappschachtel tragend. Da stehen wir also kurz: die beiden Klischees USA und uraltes, altmodisches Europa. Und wir wissen gar nicht, wie uns plötzlich geschehen ist.
In der nächsten halben Stunden bestätigt sich ihr Bild des Unverständlichen, europäisch Fremden: kein Smartphone, quasi führerscheinlos und dann auch noch Vegetarierin. "Well, if you are a vegetarian, then I'm the opposite. I eat a lot of meat, I mean A LOT" entgegnet sie selbstbewusst, die mit Bacon und Käse triefenden Nachos in sich reinstopfend, die sie sich grad auf dem Heimweg nach der Pediküre gegönnt hat. Auch abseits ihrer Essensgewohnheiten scheint sie mir äußerst repräsentativ zu sein - ein seltsames Gefühl ist das, gleichzeitig beruhigend - weil so konform mit den eigenen Vorurteilen - und gleichzeitig erschütternd in seiner schablonenhaften Trivialität, immer die Dinge vorzufinden, die man ja eigentlich schon erwartet. Überall im Haus befinden sich jedenfalls Familienbilder der properen Familie, blondiert, drapiert, lächelnd.
Danach offenbaren sich jedoch sympathische Nerdismen und etwaige, politisch sympathische Ansichten. Julie hat dem Game of Thrones Fandom eine richtige Krone aufgesetzt: auf ihrer Wade prang ein Tattoo mit den Worten A READER LIVES A THOUSAND LIVES. Der Nerd Julie arbeitet im Health Care Management und ist deswegen kaum zu Hause. Ist sie zuhause, dann läuft Game of Thrones. Dass sie am Arsch der Stadt wohnt, stört sie nicht - und alle airbnbgäste bis auf die seltsame Europäerin hätten ja auch schließlich Autos. Allerdings würden manchmal Anfragen kommen, ob sich hinter der von ihr beschriebenen Diverse Neighborhood irgendwelche messerstechenden Gangsterklischees verbergen könnten. "And then I usually write back: with diverse I mean multi-ethnic, I feel save and finde and so should you. I mean there are lots of black people, but if you've got a problem with that, that probably means you're racist." Am Freitag will sie mit einer Freundin in ein chinesisches Restaurant Karaoke singen gehen - da gehe ich natürlich mit.
Montag, 18. August 2014
Leaving no-no-fun-city
"You're so lucky to Live in Vancouver." Chris nimmt einen Schluck Red Truck, seufzt hörbar , und stimmt in seinen Hate-Talk ein, der immer folgt, wenn man ihm zu seinem aktuellen Wohnort gratulieren möchte. Langweilig sei Vancouver, behäbig, provinziell, auch zwei Uhr Neujahr stünde keine alte Sau mehr auf der Straße und feiere. Wir würden schon noch sehen. Dann streicht sich Chris die Haare aus dem Gesicht und lacht. Er sieht aus wie die 90er, die coolen 90er. Längeres Haar, das fettig, aber auch gegelt sein könnte, dazu Dreitagebart, außerdem Jeans und Boots, ein weites Holzfällerhemd, eine Mischung aus Jordan Catalano aus My so-called Life und Curt Cobain. Das Moose ist ein Hardrockschuppen mit trashigen 80s-Videos, 6-Dollar-Burgern und BHs, die dekorativ über der Theke baumeln. Chris wirkt wie Inventar. Es ist schwer, unter diesen sympathischen Umständen seinen Worten Glauben zu schenken. Wenn es das Moose gibt, dann muss die Stadt doch pulsieren, toben. Oder nicht?
Die Crowd macht's.
Chris behält nur peripher Recht, aber vielleicht liegt das am allgemeinen Ausnahmezustand, der einen Abend für Abend nach der SIGGRAPH in gefühlt alle KneipenVancouvers bugsierte. Mixer, Reception, Party wurde das Kind genannt. Steamworks Brewery, Lamplighter Pub, Balckbird Public House, Railway Club waren Veranstaltungsorte und oft war der Gin Tonic fatalerweise umsonst. Und ja: in Restaurants wird um zehn manchmal wirklich aggressives Deckenlicht zum Verscheuchen der Gäste angewendet, in Clubs wird um Punkt drei die Musik ausgestellt und nachts wirken die Straßen in der Tat wie ausgestorben, zumindest unter der Woche. Aber das wird halt schnell egal, wenn die Crowd stimmt. Seien es die Arbeitskollegen oder die Studenten, die beim FMX-Stand ausgeholfen haben. Sei es besagter Chris mit seiner Freundin Debbie, und bekannte Gesichter auf den Abendveranstaltungen sowie neue Bekanntschaften, mit denen man unbeschwert ins Quatschen kommt. Dann entstehen Abende, an denen sich Gläserklirren und dahin gesagte Sätze im Gedächtnis einlagern. Feststellungen a la "ich find es wichtig, dass man seine ganzen Jugendkomplexe und -Traumata für immer mit sich rumschleppt," finden Platz neben leidenschaftlichen Plädoyers für die Annilihation des Singer-Songwriter-Genres und Streitgesprächen über die vermeintliche Erträglichkeit der Serie "Girls."
Junkie-Wohnzimmer und Hipsterviertel
Mit dem Ende der SIGGRAPH werden also die Abende auch nicht kürzer. Dafür ist der Heimweg länger: Dank lieber kanadischer Bekannter darf ich unweit des Commercial Drive nächtigen, das man sich ungefähr wie eine Mischung aus Neukölln und Williamsburg vorstellen kann. Ein besonders symapthisches Hipsterviertel, das zu beiden Enden hin wieder vancouver-typisch in Problembezirke ausfranst - besonders Richtung Downtown, rund um die Hastings, dem notorischen Drogenviertel. Hier spielt sich das ganze Junkie-Leben sichtbar auf der Straße ab, hier wird offen Crack geraucht, Heroin gekauft, verkauft, gespritzt, hier wird campiert, gehaust, wertloser Tand verkauft. Alles könnte ja der nächste Schuss sein. Und der 20er-Bus fährt mittendurch, rein ins schnieke Hipstertown, mit den schönen Cafés, Boutiquen, Gemüsemärkten, Tattoo Studios und schier endlosen Cannabis-Kliniken, in denen Gras verkauft wird. Ich mache den Widerspruch der Vancouverianer also voll mit. Der Bildvergleich sagt alles: Commercial Drive und E Hastings.
Ich mach dann auch nicht nur einen Großeinkauf inklusive Tofurky (soon viele Sorten, das Glück, das Glück), sondern trinke auch Kaffee in einem Laden mit hölzernen Barhockerunikaten und grandioser Überbesetzung - eine Angestellte verbringt ihre Zeit damit, ihrerseits Kaffee zu trinken und Oldschool-HipHop-Platten aufzulegen. Gemütlich. Zwischen strömenden oder eher: schlendernden Passanten immer wieder feiner Marijuhana-Duft, die in die Cannabis-Kliniken Einkehrenden wirken naturgemäß nicht wie Schmerzpatienten, sondern wie Medienmenschen, die grad den Feierabend einläuten möchten. Diese weirde Stadt.
Bilder gibts hier.
Ich mach dann auch nicht nur einen Großeinkauf inklusive Tofurky (soon viele Sorten, das Glück, das Glück), sondern trinke auch Kaffee in einem Laden mit hölzernen Barhockerunikaten und grandioser Überbesetzung - eine Angestellte verbringt ihre Zeit damit, ihrerseits Kaffee zu trinken und Oldschool-HipHop-Platten aufzulegen. Gemütlich. Zwischen strömenden oder eher: schlendernden Passanten immer wieder feiner Marijuhana-Duft, die in die Cannabis-Kliniken Einkehrenden wirken naturgemäß nicht wie Schmerzpatienten, sondern wie Medienmenschen, die grad den Feierabend einläuten möchten. Diese weirde Stadt.
Das reduzierte Touriprogramm
Ergänzend zum Stadtprogramm gibts natürlich auch die Natur. Ich bekämpfe den Touristen in mir, der am liebsten alle Sehenswürdigkeiten in wenige Tage pressen möchte, und entscheide mich damit gegen Grouse und Whistler Mountain, aber für eine Fahrradtour durch den Stanley Park - ein 400 Hektar großer Stadtpark mit Stränden, Bars und viel zu vielen fotogenen Aussichten - Granville Island mit seinem Public Market (vegetarian Potstickers ftw) sowie Kitsilano Beach, der unglaublich kalifornisch wirkt mit seinen durchgestylten Beach VolleyballerInnen. Die Seele bekommt dann noch eine kleine feine Wanderung im Lighthouse Park in West Vancouver. Dort gibt es die heiß erwarteten ersten Baumgiganten, Herr-der-Ringe-Wunschfauna, am Ufer gibt es es wunderbare Ausblicke auf Howe Sound und English Bay. Über spitze Steine und Muscheln gehts ins kalte Wasser. So ein Meer müsste man immer überall haben. Die erdigen Sneaker werden auch zum letzten gemeinsamen Essen mit den Wrappern angezogen, auch die Wanderkollegen sind dabei. Kein Seafood, dafür ein Grieche mit amerikanischen Portionen, die erst antizipierend und schließlich regenerierend mit Ouzo bekämpft werden müssen. Es wird eine lange Nacht. Und es ist die letzte Party in Vancouver, ein letztes sich in Interaktion behauptendes Reisereflektionsmoment, das ich vor dem anderen Entdecken so noch einmal gebraucht und sehr genossen habe. Montag beginnt das solitäre Reisen, auf das ich mich als ungewohntes Denk- und Bewegungserlebnis richtig freu. Natürlich wird in den späteren Stunden des feuchtfröhlichen Zusammenseins auch das Moose wieder frequentiert, weil dort Vancouver schließlich begonnen hat. Es laufen beruhigenderweise die gleichen schrecklichen Videos, allen voran My Sharona. Seinem von Chris beschworenen Ruf als No-Fun-City kann Vancouver so jedenfalls nicht gerecht werden. Aber vielleicht braucht's auch einfach nur eine gute BerlinBayernSchweiz-Connection. Wie das dann ohne ist - das wird man wohl beim nächsten Besuch erkunden müssen.Bilder gibts hier.
Donnerstag, 14. August 2014
Vancouver, zwischen den Extremen
An der Kreuzung stehen Anzugträger, Touristen und SIGGRAPH-Besucher brav mit dem obligatorischen Kaffeebecher in der Hand, auf die grüne Welle wartend. Auf der anderen Straßenseite ein offensiv agierender Bettler mit einem Pappschild, das einen anschreit "HIV &Hungry".Was ist das für eine Stadt, in der die Extreme so krass und unversöhnlich nebeneinander stehen? Das saturierte Vancouver, das auf der Rangliste der lebenswertesten Städte weltweit einen Spitzenplatz einnimmt, und mittendrin völlig unübersehbare Armut. Auf der einen Seite die geschleckten Straßenzüge mit den vielen polierten Skyscrapern, den herrlichen grünen Bäumen, der sich beispielsweise von der Robson Street auftuende Blick auf das glitzernde Meer und der ganz generellen Gepflegtheit, sprich den gefegten Gehsteigen, den ordentlich umgegrabenen Blumenbeeten und Parkanlagen. Dazu die rigorosen Vorkehrungen zum Erhalt der städtischen Ordnung: Rauchen ist ungern gesehen und nur in 5-7m Entfernung zu öffentlichen Gebäuden überhaupt möglich, bei Nicht-Beachtung des Rauchverbots an den Uferpromenaden oder in Parks werden bis zu 250 Kanadische Dollar fällig, öffentlicher Alkoholkonsum wird genauso geahndet wie das Überqueren der Straße bei fehlender Ampelanlage. Auf der anderen Seite unvermittelt Bettler, Obdachlose, Junkies, oft auf offener Straße campierend. Ein disruptives Moment inmitten pittoresker Postkartenhaftigkeit, eine Vergegenwärtigung sozialen Ungleichgewichts. Obwohl die Obdachlosigkeit - die nach wie vor als Folgeentwicklung explodierender Immobilienpreise in den 80er Jahren gilt - seit 2011 nicht mehr ansteigt und sicherlich auch mit sozialen Maßnahmen angegangen wird: die Stadt wirkt auf mich, als würde sie diese eigene klaffende Wunde einfach hinnehmen.
Samstag, 9. August 2014
Emka's Westcoast Travelogue
Hallo liebe Freunde der Reiseimpressionen,
für die nächsten drei Wochen wird dieser verwesende Blog nun reanimiert: hier gibt es nun Fotos, Text, vielleicht sogar Bewegtbild aus rund 8000 Kilometern Luftlinien-Entfernung. Und zwar immer dann, wenn Schreiblust und WLAN vorteilhaft zusammen treffen. Ich wünsche frohes Fernweh und freue mich über euer Mitlesen.
für die nächsten drei Wochen wird dieser verwesende Blog nun reanimiert: hier gibt es nun Fotos, Text, vielleicht sogar Bewegtbild aus rund 8000 Kilometern Luftlinien-Entfernung. Und zwar immer dann, wenn Schreiblust und WLAN vorteilhaft zusammen treffen. Ich wünsche frohes Fernweh und freue mich über euer Mitlesen.
Sonntag, 10. April 2011
Ganz schön hipsteresk
Is noch gar nicht lange her, da hab ich den Hipster für ne ziemlich coole Sau gehalten. Da kannte ich ihn aber auch noch nicht. Ich kannte nur seinen Wirt, oder eher: sein Nest. Kneipen mit Tapetenresten und Leimspuren aus den 60ern an den Wänden, mit Möbeln im UnSchick, aus verschiedenen Jahrzehnten wahllos zusammengewürfelt. Und dazu billiges Bier. Abhängen konnte man da, unbeobachtet. Ab und zu wollte eine Laufsteg spielen, verfing sich dann aber mit ihren Boots in den unregelmäßigen Bodenlöchern und stolperte zuckersüß.
Damals - so konstruiert es die Erinnerung idealisierend - gab es nur drei, vier Hipsterkneipen in Neukölln, und sonst einen großen Haufen Döner- und Gemüseläden. Die Leute sahen alternativ aus, weil Neukölln tatsächlich eine Alternative zum gentrifizierten, überrannten Friedrichshain geworden war. Die Kneipen im reduzierten HabeNichtsStyle entstanden dann neben einer beliebigen Hertha-Fan-Kneipe und waren meistens ziemlich leer. Dort wehte der Charme des Mittellosen, Unfertigen, des Spontanen, der "Wir-stellen-jetzt-Holzkisten-nebeneinander-und-tun-so-als-wär-das-ein-Schloss"- Attitüde. Unauthentisch war das natürlich schon damals. Der normale Hipster -damals noch eine vereinzelte Freakerscheinung - war natürlich nicht mittellos, sondern stolzer MacBook-Besitzer, natürlich nicht unfertig, sondern mit konkretem Plan "was mit Medien in Berlin zu machen", aber vielleicht doch auch in einem 08/15-Unternehmen tagtäglich die eigene Seele zu Grabe zu tragen. Und weil der Hipster nichts so sehr fürchtet, wie das Außenseitertum, hat er sich mit seinesgleichen zusammengerottet und ist jetzt total wichtig. Praktisch hauptberuflich.
Die Zeitschrift Opak - szenig, und trotzdem immens lesenswert - hat sich dem Untergrund und den Hipstern zugewendet, offenherzig und schnoddrig, so dass beim Lesen tatsächliche Hipsterwesen von den Seiten aufzuerstehen und über die neueste Indie-Band zu schwadronieren scheinen, nur um sich dann aus den eigenen vier Wänden zu verziehen, unter dem Vorwand, eine absolut andere, alternative und neue Art von Party besuchen zu müssen (natürlich schiebt sich das Hipsterwesen fortwährend die Brille den Nasenrücken rauf, weil die so riesig ist, dass selbst ein Riese Gullivers Probleme hätte, sie korrekt im Gesicht zu halten), dann ist es endlich weg.
Opak entlarvt diesen vermeintlichen Geist des Anderen, als ein sich immer wieder neu inszenierendes, letztendlich immer gleiches Gesicht des Pop, des Mainstream, der Normalität, der Entpolitisierung. Großartig und zeitnah, so dass ich der Berliner Szene nach meinem Rückzug nicht haltlos und ratlos ausgeliefert bin. Gestern treffe ich mich mit alten Neuköllner Freunden (seit unglaublichen 8 Jahren im Bezirk) und die Hipster drängeln in wichtigen Gesprächszirkeln von der Kneipe bis zum Bordstein, so dass man sich gewaltsam durchpressen muss durch die individuelle Uniformierung, geradezu in bürgerlicher "Entschuldigung, kann ich mal"-Manier und diesem unentspannten Lächeln, das man sich sonst Bahnkontrolleuren vorbehält. Dank Opak weiß ich jetzt, das ich mich nicht nur aufgrund akuter Outness ausgeschlossen fühle, sondern auch, weil das Hipsterwesen nach politischer und kultureller Verwesung riecht. Das beruhigt mich. Innerlich sing ich dann ein bisschen Beatles, obwohl die auch scheiße waren. So im Style "Wedding, nun bist du dran": Take a sad song and make it better.
Sonntag, 27. März 2011
Bohemian raptures - Robert Mapplethorpe
Die Assoziationskette beendet den Gedanken und schließt die Kategorienschublade effektiv. Helmut Newton: Model und High-Society; Annie Leibovitz: Susan Sontag, Demi Moore nackt&schwanger; Cartier-Bresson: Magnum zwischen Sozialkritik und Sozialästhetik - selten sprengen Ausstellungen und Retrospektiven die eigene Horizontlinie und die Erfahrung geht mit der eigenen Erwartung letztendlich doch konform. C/O-Gallery, Berlin und der Name Robert Mapplethorpe - Assoziationskette : S/M, Narzissmus, Patti Smith, New Yorker Bohème, Penis, Penis, Penis. Letzterer als Stillleben, als absurdes Objekt à la Man Ray oder auch tatsächlich als Momentaufnahme der New Yorker Szene. Auf jeden Fall Penis.
Den gibt es dann natürlich auch im Übermaß. Auch das erwartete Bondage-Foto, auf dem sich Mapplethorpe mit aggressivem Blick über die Schulter vergewissert, dass der Betrachter der rektalen Einführung einer Reitgerte auch ganz sicher gewahr wird. Nun ja. Wichtig für die Zeit, aber so richtig hats mich nie vom Hocker gehauen - einzig die Patti Smith Portraits fand ich immer sehr ansprechend.
Dann der Schock: ein Raum voller Polaroids, die Mapplethorpe am Anfang seiner Karriere als fotografisches Medium einsetzte. Damals war es paradoxerweise die Armut, die Perfektionismus gebar: Selbst Polaroids waren eine horrende Ausgabe, so dass jedes Foto sitzen musste. Und das tut es. Fast kein Foto wirkt zufällig oder gar "nebenbei". Der Mythos Polaroid, der ja durch Worte wie Unmittelbarkeit, Momentaufnahme, Spontaneität und Authentizität geprägt wurde, wird hier ad absurdum geführt. Jedes Foto ist aufs Penibelste ausgeleuchtet und gestellt; die entstehenden Tiefen im Bild sind meisterlich - der unsichere Blick des Fotomodells gerät zur genauen Charakterstudie, die Selbstportraits zu fein gezeichneten, entrückten Dramen. Hier zeigt sich deutlicher als bei den gerahmten, nackten Schönen (Penissen), was Mapplethorpe an Feingefühl und ästhetischem Know-How so mitbrachte. Kein Fetisch-Fotograf, sondern ein Meister des großen Schauspiels. Grandios.
Neben mir stolpert die Indie-Baggage, die der C/O Gallery ihren alternativen Ruf einbringt, auf die Genitalien zu, kichernd. Ein kleiner Laufsteg wabbert durch die Räume, Nickelbrillen und Blahniks, Tolle und geföhnter Pony. Ich wackele ihnen hinterher, durch die Räume mit dreckigen Betonböden und unverputzten Wänden und denke kurz, dass das Ambiente der C/O Gallery der New Yorker Künstler - und Atelierszene, die in Mapplethorpes Polaroids immer hintergründig hindurchschimmert, doch fast schon gleichkommt. Mapplethorpe hits home, oder so. Als dann Louise Bourgeois mit ihrer Penisskulptur "Filette" unterm Arm die BetrachterIn frech angrinst, bin ich mir sicher, dass Mapplethorpe oft in der falschen Schublade landet und die Assoziationskette als Mittel der schnellen Kategorisierung auf den Müll gehört. Ich beschließe ihre sofortige mentale Zerschrottung. Zumindest bis zur nächsten Ausstellung.
Dann der Schock: ein Raum voller Polaroids, die Mapplethorpe am Anfang seiner Karriere als fotografisches Medium einsetzte. Damals war es paradoxerweise die Armut, die Perfektionismus gebar: Selbst Polaroids waren eine horrende Ausgabe, so dass jedes Foto sitzen musste. Und das tut es. Fast kein Foto wirkt zufällig oder gar "nebenbei". Der Mythos Polaroid, der ja durch Worte wie Unmittelbarkeit, Momentaufnahme, Spontaneität und Authentizität geprägt wurde, wird hier ad absurdum geführt. Jedes Foto ist aufs Penibelste ausgeleuchtet und gestellt; die entstehenden Tiefen im Bild sind meisterlich - der unsichere Blick des Fotomodells gerät zur genauen Charakterstudie, die Selbstportraits zu fein gezeichneten, entrückten Dramen. Hier zeigt sich deutlicher als bei den gerahmten, nackten Schönen (Penissen), was Mapplethorpe an Feingefühl und ästhetischem Know-How so mitbrachte. Kein Fetisch-Fotograf, sondern ein Meister des großen Schauspiels. Grandios.
Neben mir stolpert die Indie-Baggage, die der C/O Gallery ihren alternativen Ruf einbringt, auf die Genitalien zu, kichernd. Ein kleiner Laufsteg wabbert durch die Räume, Nickelbrillen und Blahniks, Tolle und geföhnter Pony. Ich wackele ihnen hinterher, durch die Räume mit dreckigen Betonböden und unverputzten Wänden und denke kurz, dass das Ambiente der C/O Gallery der New Yorker Künstler - und Atelierszene, die in Mapplethorpes Polaroids immer hintergründig hindurchschimmert, doch fast schon gleichkommt. Mapplethorpe hits home, oder so. Als dann Louise Bourgeois mit ihrer Penisskulptur "Filette" unterm Arm die BetrachterIn frech angrinst, bin ich mir sicher, dass Mapplethorpe oft in der falschen Schublade landet und die Assoziationskette als Mittel der schnellen Kategorisierung auf den Müll gehört. Ich beschließe ihre sofortige mentale Zerschrottung. Zumindest bis zur nächsten Ausstellung.
Montag, 28. Februar 2011
Und das Ende vom Lied - Ist vielleicht Schlafen doch besser?
My oh my. Natalie Portman hat den Oscar für ihren hervorragenden Babybauch und ihre baldige Mutterrolle bekommen. Großartig. Jetzt brauch sie nur noch anfangen, in relevanten Filmen mitzuspielen. Oder Jennifer Lawrence kriegt einfach noch irgendwann nen Oscar. Dann guck ich die Chose wieder. Ach, ein Lichtblick, nicht nur Colin kriegt noch einen - "The King's Speech" kriegt den Oscar für den besten Film und straft die fürchterlich belanglose Veranstaltung mit ihrer SocialNetwork-Mentalität und ihrem fantasielosen MusicVideo-Charme gnadenlos ab. Wenn jetzt noch Anne Hathaway versehentlich an ihrem eigenen Grinsen erstickt, war es dann doch noch irgendwie ne schöne Nacht.
Ein neues Tief tut sich auf
Standing Ovations für eine weitere Anmoderation und es ist niemand Geringeres aaaals Billy Crystal. Die Inkarnation eines glucksenden Lachens, die Geburt des Humors - ähhh: nicht. Ein weiteres Indiz für die knochentrockene, blutleere Veranstaltung, der ich inzwischen kleinäugig beiwohne.
Oh mei, ist das lahm. War es ja schon immer, aber es hatte Stil. Dreßig Sekunden ist James Franco mal ganz Frau, ganz Drag und es ist einfach unfassbar öde. Vielleicht lässt sich ja die diesjährige Preisverleihung doch daran messen, dass ein Oscarfavorit musikalisch von Trent Reznor untermalt wurde - Nine Inch Nails zum Kuscheln und Ganz-Fest-In-Den-Arm nehmen, da hört halt dann doch die Welt auf.
Philosophieren übers Gewinnen
Tränen: Mitnichten ist das Geheule auf der Bühne eine Art emotionale Reaktion oder Überforderung - vielmehr ist sie die Sprachlosigkeit, die Ermangelung intelligenter Worte. Namen vergessen: kein Schock, sondern vielmehr ein wahrhafter Moment des geadelten Narzissmus, der endlich mal ganz mit sich allein ist. Vergiss die alberne Ehefrau!
The Oscars begin...
und die Moderatoren sind... heut nicht so lustig... allen machen auf sentimental und "die guten alten Zeiten" - und stellen ihre beleibten Verwandten im Publikum bloß...ähh vor. Anne Hathaway und James Franco sind halt beide nun noch nicht - nun ja - sagen wir: ohne Ende aufgefallen.
Sonntag, 20. Februar 2011
Welche Freiheit denn bloß? Über Franzen und Sojamilch
Vielleicht ist die Soziologie schuld. Oder vielleicht eher der Konstruktivismus. In jedem Fall aber die Überzeugung, dass sich Identität oder Charakter nur im Hinblick auf die sie/ihn konstituierenden sozialen Momente beschreiben und erzählen lassen. Anders lässt sich Jonathan Franzens Motivation, seinen neuen Roman Freedom zu verfassen, kaum erklären. Anders als in vielen - vor allem anglo-amerikanischen, aber auch den deutschen - Medien gehypt, handelt es sich hier nicht um eine große Erzählung in amerikanischer Tradition, angelehnt an - man höre und staune - Tolstoys "Krieg und Frieden", sondern um einen Roman, der alles (erzählen) will und sich dabei in einer Endlosschleife von Banalitäten und Oberflächlichkeiten verfängt. Obwohl Freedom vorgibt, sich mit einer Familiengeschichte auseinander setzen zu wollen, möchte er doch in erster Linie LIVE sein und vor allem REAL. Und dafür ist ihm jede Referenz auf den zeitgenössischen Film-, Musik- und Politikgeschmack Recht.
Im Zentrum des Romans steht die 20 Jahre währende Ehe von Patty und 'Walter Berglund, deren Höhen und Tiefen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. B.B. Myers' grandiose Rezension in "The Atlantic" mokiert sich vor allem über die Durchschnittstypen und -protagonisten, die den Plot bleischwer, grauöd erscheinen lassen: Patty, die sich selbst schon für langweilig hält und dann den "soliden" und "netten" Walter heiratet, während sie eigentlich Gefühle für dessen besten Freund und "unzuverlässigen" Musiker Richard hegt und mit ihm dann in späteren Jahren eine Affäre anfängt...Die (vor allem inneren) Konflikte, die sich aus der Affäre und Pattys heimlichen Gefühlen für Richard ergeben, sind danach das große Thema von Freedom und nebenbei noch ALLE ANDEREN DINGE, die Freiheit als Stichwort oder Lebensmaxime im Post-9/11-Amerika auch nur streifen. Die daraus notwendigerweise entstehende Oberflächlichkeit, die sich auch in der sprachlichen Trivialität niederschlägt, sind aber nur Teil des Problems. Weitaus schwerer wiegt nämlich Franzens Genügsamkeit: Konflikte sind bloßes Beiwerk, psychische Störungen dezent gestreute Accessoires; nichts scheint Franzen dauerhaft zu interessieren, alles bleibt Aufzählung. Franzen hätte gut daran getan, einen x-beliebigen Schreibratgeber aufzuschlagen: Der Terminus "Show, don't tell" gilt halt auch und vielleicht sogar gerade für die Profis.
Franzens Erzählweise wirkt dann auch eher wie angestrengte Fleißarbeit: Häkchen für political incorrectness, Häkchen für Klimawandel, Häkchen für zweifelhafte SchönheitsOPs... Franzens Hommage an den Zeitgeist gipfelt in einer zweiseitigen, sich betont lässig gebenden Beschreibung eines Bright-Eyes Konzert (mit obligatorischem Kniefall vor Conor Oberst). Muss das sein? Derartiges Pseudo-Kennertum wirkt arg jedenfalls arg befremdlich und qualitativ mittelmäßig bis minderwertig. Gleiches gilt auch für die Figuren - Franzens Interesse gilt einzig einem grünen, demokratischen, unangepassten und emanzipierten Lifestyle, bei dem die fehlende Sojamilch im Kaffee eine vorgestrige Todessünde darstellt. Es scheint mitunter, als wolle Franzen bewusst ein politisches Programm bewerben. Kein Wunder, dass Freedom unter Oprah Winfreys Buchempfehlungen landete.
Ausgerechnet die von Franzen zum erbärmlichen Leben erweckte Rockstarkarikatur Richard Katz darf sich dann zur nicht existierenden Romansubstanz (von) Freedom äußern: im Interview mit einem pubertierenden Fan bekennt Richard die eigene Mittelmäßigkeit und pseudokritische Lebensart, die sich nicht nur Grammygewinner, sondern auch Durchschnittsbürger allzu gern aufs T-Shirt drucken, natürlich ohne Konsequenzen zu ziehen oder wirklich politisch und gesellschaftlich aktiv zu werden. Die Wut und der Zynismus, die Franzen ganz meisterlich in Richards Stimme legt, vermitteln eine Ahnung von dem, was Freedom vielleicht hätte werden können und seine Korrekturen aus dem Jahr 2001 immer noch sind: ein schonungsloses, oft zynisches Familienportrait, das seine Protagonisten bis auf die letzte Pore entblößt und durch diese Detailtreue auch der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Und das ganz ohne Verweise auf Zeitgeist.
Im Zentrum des Romans steht die 20 Jahre währende Ehe von Patty und 'Walter Berglund, deren Höhen und Tiefen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. B.B. Myers' grandiose Rezension in "The Atlantic" mokiert sich vor allem über die Durchschnittstypen und -protagonisten, die den Plot bleischwer, grauöd erscheinen lassen: Patty, die sich selbst schon für langweilig hält und dann den "soliden" und "netten" Walter heiratet, während sie eigentlich Gefühle für dessen besten Freund und "unzuverlässigen" Musiker Richard hegt und mit ihm dann in späteren Jahren eine Affäre anfängt...Die (vor allem inneren) Konflikte, die sich aus der Affäre und Pattys heimlichen Gefühlen für Richard ergeben, sind danach das große Thema von Freedom und nebenbei noch ALLE ANDEREN DINGE, die Freiheit als Stichwort oder Lebensmaxime im Post-9/11-Amerika auch nur streifen. Die daraus notwendigerweise entstehende Oberflächlichkeit, die sich auch in der sprachlichen Trivialität niederschlägt, sind aber nur Teil des Problems. Weitaus schwerer wiegt nämlich Franzens Genügsamkeit: Konflikte sind bloßes Beiwerk, psychische Störungen dezent gestreute Accessoires; nichts scheint Franzen dauerhaft zu interessieren, alles bleibt Aufzählung. Franzen hätte gut daran getan, einen x-beliebigen Schreibratgeber aufzuschlagen: Der Terminus "Show, don't tell" gilt halt auch und vielleicht sogar gerade für die Profis.
Franzens Erzählweise wirkt dann auch eher wie angestrengte Fleißarbeit: Häkchen für political incorrectness, Häkchen für Klimawandel, Häkchen für zweifelhafte SchönheitsOPs... Franzens Hommage an den Zeitgeist gipfelt in einer zweiseitigen, sich betont lässig gebenden Beschreibung eines Bright-Eyes Konzert (mit obligatorischem Kniefall vor Conor Oberst). Muss das sein? Derartiges Pseudo-Kennertum wirkt arg jedenfalls arg befremdlich und qualitativ mittelmäßig bis minderwertig. Gleiches gilt auch für die Figuren - Franzens Interesse gilt einzig einem grünen, demokratischen, unangepassten und emanzipierten Lifestyle, bei dem die fehlende Sojamilch im Kaffee eine vorgestrige Todessünde darstellt. Es scheint mitunter, als wolle Franzen bewusst ein politisches Programm bewerben. Kein Wunder, dass Freedom unter Oprah Winfreys Buchempfehlungen landete.
Ausgerechnet die von Franzen zum erbärmlichen Leben erweckte Rockstarkarikatur Richard Katz darf sich dann zur nicht existierenden Romansubstanz (von) Freedom äußern: im Interview mit einem pubertierenden Fan bekennt Richard die eigene Mittelmäßigkeit und pseudokritische Lebensart, die sich nicht nur Grammygewinner, sondern auch Durchschnittsbürger allzu gern aufs T-Shirt drucken, natürlich ohne Konsequenzen zu ziehen oder wirklich politisch und gesellschaftlich aktiv zu werden. Die Wut und der Zynismus, die Franzen ganz meisterlich in Richards Stimme legt, vermitteln eine Ahnung von dem, was Freedom vielleicht hätte werden können und seine Korrekturen aus dem Jahr 2001 immer noch sind: ein schonungsloses, oft zynisches Familienportrait, das seine Protagonisten bis auf die letzte Pore entblößt und durch diese Detailtreue auch der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Und das ganz ohne Verweise auf Zeitgeist.
Montag, 7. Februar 2011
And the Oscar goes to the terribly dull ... (insert virtually any 2011 nominated film here)
Was haben "The Social Network" und "Black Swan" gemeinsam? Richtig, beide sind für fünf und mehr Oscars nominiert. Eine weitere Gemeinsamkeit: Much Ado About Nothing. Ich will ja wirklich mal wieder was gut finden, aber bei derartig flachen Dialogen, so übertrieben vorsichtig angekratzter Oberfläche und äußerst mittelmäßigen Schauspielkünsten fällt Lachen schwer und Enthusiasmus wird unmöglich. Was ist bloß los mit dem Mainstreamkino, dass es nicht mal mehr gute Geschichten erzählen kann? Es bleibt zu hoffen, dass "The King's Speech" abräumt. Bei aller Irritation über das (traditionell-wertorientierte) Monarchie-Setting des Films stimmt hier alles: die wunderbaren SchauspielerInnen, die Story und der süffisante, britische Humor:
---> http://www.imdb.com/title/tt1504320/quotes?qt1399688
---> http://www.imdb.com/title/tt1504320/quotes?qt1399688
Donnerstag, 13. Januar 2011
Wie wär's mal mit Gefühl - Part II
Das soll also der FeelgoodFilm des Jahres 2010 gewesen sein? Eine Art alternativer Familienfilm für die ganze Familie und auch für alle anderen? Vielleicht ist das ja grad das Problem von "The Kids Are All Right" - dieser Anspruch der Inklusion, diese Kuscheligkeit, bei der jeder mal im Nacken gekrault wird. Funktioniert für fast alle. Und doch wundere ich mich: Die Story is fürchterlich unoriginell; bei dem lesbischen Ehepaar gibt es eine klassische Rollenverteilung mit Butch-Klischeelesbe; Männer fungieren nur als Samenspender, Beziehungszerstörer, Verhaltensgestörte und haben nur einen menschlichen Wert, wenn sie von zwei Lesben großgezogen werden... Im Endeffekt ist hier nicht mehr zu sehen, als ein konservatives, kleines Filmchen, in dem der ach-so-heilige Ort der Familie verteidigt und zugemauert wird. Nur halt auf lesbisch. Westward ho!
Wie wär's mal mit Gefühl - Part I
Ein Dreieck wird ganz klassisch durch drei Punkte definiert, die nicht auf einer Geraden liegen. Die literarische und filmische Dreieckskonstellation entspricht im Wesentlichen der geometrischen Definition: Auch sie wird normalerweise durch drei Handlungsfiguren definiert - und nichts an ihr ist einfach, geschweige denn gerade; dafür gibts Dreierdynamik ohne Ende, ob Drama oder Komödie. Es sei denn, ein Tom Tykwer versucht sich daran. Da kann ein Dreieck schon mal rund werden. Oder schlicht und einfach formlos.
Dabei stimmen die geometrischen Bausteine in Tykwers "Drei": großartige Schauspieler (Sophie Rois, Devid Striesow, Sebastian Schipper) und interessante Koordinaten: Simon und Hanna sind seit Ewigkeiten zusammen und langweilen sich ein bisschen, beide gehen fremd und zwar unwissentlich mit Demselben, nämlich Adam... Und trotzdem: So richtig dreieckig wird das Ganze nie; nie wird der Film wirklich lustig oder wahrhaft traurig, immer lässt er den Tiefgang vermissen. Letzteres ist vor allem der Charakterisierung geschuldet: Die Figuren bleiben hoffnungslos unglaubwürdig und uninteressant, weil sie in ihren überzeichneten Stereotypisierungen förmlich ersticken. Selbst die Erotik - eigentlich eine erwartbare Ingredienz bei einer Dreiecksgeschichte - ist abwesend, ständiger Nacktheit zum Trotz. Stattdessen werden Nebenhandlungsstränge angekaut und dann liegen gelassen, stattdessen jagt ein Filmschnitt den nächsten... Rois&Co werden gedankenlos verheizt in einem Film, der so sehr damit beschäftigt ist, Zeitgeist sein zu wollen, dass er die Kategorien "Figur", "Plot" und "Kohärenz" gänzlich vernachlässigt, ja eigentlich abschafft.
Was dabei entsteht und als Einziges übrig bleibt ist eine völlig künstlich wirkende Werbefilm-Collage (als Werbefilm kann "Drei" auch nicht besonders viel: Ebook, Berliner Szenelocations, Robert Wilson, ein zur Seite geworfenes Bachmann-Buch und Gunther von Hagens - so richtig neu ist das alles nicht) mit pseudopolitischer Grundierung (Islamdebatte meets Diskussionen über Fortpflanzung im Ethikrat meets Genderdiskussion). Vielleicht wäre sogar das noch zu ertragen, wenn ein kleiner Konflikt das hässliche Werbefilm-Collagenbaby in die Luft sprengen würde, aber Tykwer ist irgendwie nicht so auf Konflikt gepolt - kein Konflikt, so weit das Auge reicht. Simons Schock über die eigene Bisexualität hält drei Sätze an, Hannas Schwangerschaft vielleicht eine Kameraeinstellung, dann fliegt schon die ganz Affären auf, Hanna ist eine Minute lang hochschwanger in der Londoner Hippieszene, dann liegen alle drei miteinander nackig im Bett, alles ist heititei. Und Abspann. Das mag das Feuilleton als geradezu revolutionäres Plädoyer für die Emanzipation von (Geschlechter)Kategorien deuten, es bleibt eine aufgesetzte, unpolitische Geste der Beliebigkeit in einem Film, der eigentlich nicht mal selber weiß, was an ihm jetzt eigentlich interessant sein soll. Judith Butler würde müde lächeln.
Und das Dreieck sitzt in der Ecke und weint.
Dabei stimmen die geometrischen Bausteine in Tykwers "Drei": großartige Schauspieler (Sophie Rois, Devid Striesow, Sebastian Schipper) und interessante Koordinaten: Simon und Hanna sind seit Ewigkeiten zusammen und langweilen sich ein bisschen, beide gehen fremd und zwar unwissentlich mit Demselben, nämlich Adam... Und trotzdem: So richtig dreieckig wird das Ganze nie; nie wird der Film wirklich lustig oder wahrhaft traurig, immer lässt er den Tiefgang vermissen. Letzteres ist vor allem der Charakterisierung geschuldet: Die Figuren bleiben hoffnungslos unglaubwürdig und uninteressant, weil sie in ihren überzeichneten Stereotypisierungen förmlich ersticken. Selbst die Erotik - eigentlich eine erwartbare Ingredienz bei einer Dreiecksgeschichte - ist abwesend, ständiger Nacktheit zum Trotz. Stattdessen werden Nebenhandlungsstränge angekaut und dann liegen gelassen, stattdessen jagt ein Filmschnitt den nächsten... Rois&Co werden gedankenlos verheizt in einem Film, der so sehr damit beschäftigt ist, Zeitgeist sein zu wollen, dass er die Kategorien "Figur", "Plot" und "Kohärenz" gänzlich vernachlässigt, ja eigentlich abschafft.
Was dabei entsteht und als Einziges übrig bleibt ist eine völlig künstlich wirkende Werbefilm-Collage (als Werbefilm kann "Drei" auch nicht besonders viel: Ebook, Berliner Szenelocations, Robert Wilson, ein zur Seite geworfenes Bachmann-Buch und Gunther von Hagens - so richtig neu ist das alles nicht) mit pseudopolitischer Grundierung (Islamdebatte meets Diskussionen über Fortpflanzung im Ethikrat meets Genderdiskussion). Vielleicht wäre sogar das noch zu ertragen, wenn ein kleiner Konflikt das hässliche Werbefilm-Collagenbaby in die Luft sprengen würde, aber Tykwer ist irgendwie nicht so auf Konflikt gepolt - kein Konflikt, so weit das Auge reicht. Simons Schock über die eigene Bisexualität hält drei Sätze an, Hannas Schwangerschaft vielleicht eine Kameraeinstellung, dann fliegt schon die ganz Affären auf, Hanna ist eine Minute lang hochschwanger in der Londoner Hippieszene, dann liegen alle drei miteinander nackig im Bett, alles ist heititei. Und Abspann. Das mag das Feuilleton als geradezu revolutionäres Plädoyer für die Emanzipation von (Geschlechter)Kategorien deuten, es bleibt eine aufgesetzte, unpolitische Geste der Beliebigkeit in einem Film, der eigentlich nicht mal selber weiß, was an ihm jetzt eigentlich interessant sein soll. Judith Butler würde müde lächeln.
Und das Dreieck sitzt in der Ecke und weint.
Montag, 12. April 2010
Der große Sündenausverkauf
Janine: 200 Euro Strafe, Hedwig: 600 Euro Strafe und Lina: irgendwas dazwischen. Die seltsamen Statusmeldungen auf Facebook und Studivz lösen große Verwunderung aus. "Ist das dein neuer Bafögsatz?" will jemand wissen; "Brauchst du einen Anwalt?" fragt jemand anderes besorgt. Nein, warum plötzlich alle - und ausschließlich Frauen - eine Strafe zahlen müssen, das versteht Mann dann doch nicht. Google hilft; hier der dementsprechende Link dazu - es versteht sich von selbst, dass der dort angegebene Test vielleicht den jeweiligen PersonInnen anders vorlag:
http://www.gutefrage.net/frage/facebook-strafe
Hierbei handelt es sich um ein Spiel, bei dem Frau ihre Sünden addiert, aber der verdutzten Umwelt nur die Endsumme mitteilt. Mehrwert des Spieles: Frau soll sich amüsieren und außerdem ein Band der Solidarität zu ihren Schwestern spannen, indem sie die Männerwelt über die Herkunft der Summe im Unklaren lässt.
Hier ein paar der Sünden, die mit einem Geldwert gleich gesetzt werden können:
5. Sex mit 1 FaceBook-Freund 25€
9. Hast mit einem Ausländer geschlafen 20€
19.Du hast ihn mit seinem besten Freund betrogen 40€
25.Pornofilm/Pornofoto von Dir 15€
Das Gesamtkonzept des Tests erscheint mir aber - entgegen der Intention - weder lustig noch solidarisch. Da ist einmal das Wort Sünde, dass bei mir sämtliche Nackenhaare gen Himmel stehen lässt... Hat irgendwer wieder das Mittelalter eingeläutet und ich habe es verpasst?! Ist Sex an sich wieder ein neues Tabu geworden und bestrafen wir jetzt wieder Sünde und Perversion?
Auch die restliche Rhetorik des Threads lässt mich stutzen: Womit soll hier bitte Solidarität erzeugt werden? Durch gegen sich selbst gerichteten Sexismus? Den trägt der Test nämlich offen zur Schau, genau wie Rassismus und Homophobie - wird doch Oralsex nur mit 10 Euro geahndet, Sex mit einem Ausländer hingegen mit 20 Euro und natürlich kostet auch die Sünde des gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr einige Öcken mehr, als es das Blasen während der Autofahrt tut.
Und die vermeintlichen Kausalketten, die manche aus der Summe ihrer Sünden zu konstruieren scheinen, muten auch seltsam an. Sie lassen sich etwa so zusammenfassen: Dein Sündenregister läuft fast über? Herzlichen Glückwunsch, du bist eine moderne, selbstbewusste Frau, die ganz offen mit ihrer Sexualität umgeht. Wie? Das sollen all deine Sünden gewesen sein? Glaubst du nicht, dass du ein wenig langweilig und zugeknöpft bist? Sex is fun, go out and do it already!
Es ist traurig, was für Selbstbilder hier konstruiert werden. Selbstbilder, die sich scheinbar in einer Zahl, nein, einem Geldwert erschöpfen. Als bräuchte es ein dementsprechendes Preisetikett, um ein großes Wohlgefühl herzustellen; als bräuchte es viel Sex, um ein respektables Fremdbild zu erzeugen.
Dass sich auch heute noch genügend Frauen auf ihre Sexualität reduzieren lassen - oder, wie in diesem Fall, sich selbst darauf reduzieren - ist wohl die deprimierendste Erkenntnis, die sich aus dem Test gewinnen lässt. Dabei sollte Sex nie die Identität und das Selbstwertgefühl einer Person bestimmen oder gar als Ersatz für beide fungieren.
Seit einiger Zeit wünschen sich einige Facebook-NutzerInnen einen neue Funktion, die es einem ermöglicht, auf die vielen Statusmeldungen, die vielleicht auch solche Testergebnisse enthalten, zu reagieren. Die böte die richtige Antwort auf die scheinbar immer noch vielen auf den Herzen brennende Frage: Willst du wissen, mit wie vielen Leuten ich geschlafen habe? - und dann könnte man entspannt antworten: "Nee, nicht wirklich" und dazu den folgenden Button anklicken:
COULDN'T CARE LESS.
http://www.gutefrage.net/frage/facebook-strafe
Hierbei handelt es sich um ein Spiel, bei dem Frau ihre Sünden addiert, aber der verdutzten Umwelt nur die Endsumme mitteilt. Mehrwert des Spieles: Frau soll sich amüsieren und außerdem ein Band der Solidarität zu ihren Schwestern spannen, indem sie die Männerwelt über die Herkunft der Summe im Unklaren lässt.
Hier ein paar der Sünden, die mit einem Geldwert gleich gesetzt werden können:
5. Sex mit 1 FaceBook-Freund 25€
9. Hast mit einem Ausländer geschlafen 20€
19.Du hast ihn mit seinem besten Freund betrogen 40€
25.Pornofilm/Pornofoto von Dir 15€
Das Gesamtkonzept des Tests erscheint mir aber - entgegen der Intention - weder lustig noch solidarisch. Da ist einmal das Wort Sünde, dass bei mir sämtliche Nackenhaare gen Himmel stehen lässt... Hat irgendwer wieder das Mittelalter eingeläutet und ich habe es verpasst?! Ist Sex an sich wieder ein neues Tabu geworden und bestrafen wir jetzt wieder Sünde und Perversion?
Auch die restliche Rhetorik des Threads lässt mich stutzen: Womit soll hier bitte Solidarität erzeugt werden? Durch gegen sich selbst gerichteten Sexismus? Den trägt der Test nämlich offen zur Schau, genau wie Rassismus und Homophobie - wird doch Oralsex nur mit 10 Euro geahndet, Sex mit einem Ausländer hingegen mit 20 Euro und natürlich kostet auch die Sünde des gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr einige Öcken mehr, als es das Blasen während der Autofahrt tut.
Und die vermeintlichen Kausalketten, die manche aus der Summe ihrer Sünden zu konstruieren scheinen, muten auch seltsam an. Sie lassen sich etwa so zusammenfassen: Dein Sündenregister läuft fast über? Herzlichen Glückwunsch, du bist eine moderne, selbstbewusste Frau, die ganz offen mit ihrer Sexualität umgeht. Wie? Das sollen all deine Sünden gewesen sein? Glaubst du nicht, dass du ein wenig langweilig und zugeknöpft bist? Sex is fun, go out and do it already!
Es ist traurig, was für Selbstbilder hier konstruiert werden. Selbstbilder, die sich scheinbar in einer Zahl, nein, einem Geldwert erschöpfen. Als bräuchte es ein dementsprechendes Preisetikett, um ein großes Wohlgefühl herzustellen; als bräuchte es viel Sex, um ein respektables Fremdbild zu erzeugen.
Dass sich auch heute noch genügend Frauen auf ihre Sexualität reduzieren lassen - oder, wie in diesem Fall, sich selbst darauf reduzieren - ist wohl die deprimierendste Erkenntnis, die sich aus dem Test gewinnen lässt. Dabei sollte Sex nie die Identität und das Selbstwertgefühl einer Person bestimmen oder gar als Ersatz für beide fungieren.
Seit einiger Zeit wünschen sich einige Facebook-NutzerInnen einen neue Funktion, die es einem ermöglicht, auf die vielen Statusmeldungen, die vielleicht auch solche Testergebnisse enthalten, zu reagieren. Die böte die richtige Antwort auf die scheinbar immer noch vielen auf den Herzen brennende Frage: Willst du wissen, mit wie vielen Leuten ich geschlafen habe? - und dann könnte man entspannt antworten: "Nee, nicht wirklich" und dazu den folgenden Button anklicken:
COULDN'T CARE LESS.
Montag, 15. Februar 2010
Der kurze schwarze Blick
Vor Beginn des Films fährt er noch kurz mit der Fingerkuppe über ein Fassbinderbüchlein, fasst sich ins graue, gepflegte Haar und rückt sich anschließend die Brille zurecht. Er ist der perfekte Berlinale-Besucher mit Cord Jacket und ohne aufgeregt wippendes Bein.
Das Licht geht aus.
'L'Indigène D'Eurasie" (nicht ganz falsch, aber doch den Kern des Films verfehlend als "Eastern Drift" übersetzt) nimmt seinen Anfang. Die monotone Erzählstimme aus dem Off, die sich erst wieder am Schluss einschalten wird, und die dröge aneinander klatschenden Wellen sind tongebend: "Vielleicht gibt es diese Geschichte", scheint uns ein behäbig dahin gleitendes Schiff zu sagen, "aber ich könnte auch eine andere erzählen."
Die Figuren nämlich, die sich immer nur kurz in einem anderen nackten Körper vergraben, und dann wieder fliehen, gen Westen, gen Osten, den Geliebten nach - doch allesamt in die Dunkelheit, sie sind nur Symbolträger einer Gesellschaft, in der die Anhaltspunkte und Sicherheiten abhanden gekommen sind. Deswegen verzichtet der Regisseur Sharunas Bartas auf eine genaue Handlungsführung, verlässt sich auf kurze Momentaufnahmen und schafft so ein Mosaik der Heimatlosigkeit, dem alle zu entkommen versuchen. Paris, Litauen und Moskau sind die Schauplätze dieser Fluchtversuche, die schon vorab zum Scheitern verurteilt zu sein scheinen. Zu schwermütig ist Gena, der Drogendealer, der nur noch einen letzten Deal plant; zu illoyal seine Partner; zu verzweifelt seine beiden schönen Freundinnen. Und so wird der Wunsch nach einem anderen, besseren Leben unausweichlich zum blutigen, aussichtslosen Alptraum; eine Spirale aus schlechten Entscheidungen, die der Antiheld des Films so emotionslos und resigniert hinnimmt wie dann am Schluss sein eigenes Ende.
Irgendwann in der Mitte des Films, als die russische Freundin Gefahr läuft, von zwei betrunkenen Kerlen belästigt zu werden, platzt dem perfekten Berlinale-Besucher neben mir der plötzlich der Kragen und er flüstert: "Die sind ja noch schlimmer als die Türken" etwas lauter, als beabsichtigt. Dass ist jetzt also auch Berlinale, denk ich mir. Der Normalo, der nur aus Prinzip nicht NPD wählen würde, schiebt halt seinen widerlichen Arsch in die gleichen Sessel wie Di Caprio (Fresse) und Dieter Kosslick. Jetzt schwafelt er mit fauligem Atem etwas von "Gegen die Wand" - er hat bestimmt für jedes überholte Klischee nen Film parat; vielleicht sein einziger Grund, Cineast zu spielen: die Untermauerung einer Weltanschauung, für nur 7 Euro.
Vor mir auf der Leinwand eine Panoramaaufnahme von Paris, dann eine von Moskau und schließlich eine von Litauen - sie wirken wie die Anfänge eines neuen und immer gleichen Kapitels, ein einziges Welt - und gleichzeitig Stimmungsbild - groß, dreckig, gefräßig. Auch Berlin ließe sich problemlos einreihen, denke ich, aus dem Kino in die Kälte fallend. Auch hier könnten Bartas' Figuren - L'Indigènes D'Eurasie: die Ureinwohner zweier Kontinente, überall zu finden und nirgendwo daheim - umherirren. Man würde sie nicht erkennen - vielleicht, weil man ihnen selbst schon zu sehr ähnelt. Der Moloch kriegt uns alle.
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Das Licht geht aus.
'L'Indigène D'Eurasie" (nicht ganz falsch, aber doch den Kern des Films verfehlend als "Eastern Drift" übersetzt) nimmt seinen Anfang. Die monotone Erzählstimme aus dem Off, die sich erst wieder am Schluss einschalten wird, und die dröge aneinander klatschenden Wellen sind tongebend: "Vielleicht gibt es diese Geschichte", scheint uns ein behäbig dahin gleitendes Schiff zu sagen, "aber ich könnte auch eine andere erzählen."
Die Figuren nämlich, die sich immer nur kurz in einem anderen nackten Körper vergraben, und dann wieder fliehen, gen Westen, gen Osten, den Geliebten nach - doch allesamt in die Dunkelheit, sie sind nur Symbolträger einer Gesellschaft, in der die Anhaltspunkte und Sicherheiten abhanden gekommen sind. Deswegen verzichtet der Regisseur Sharunas Bartas auf eine genaue Handlungsführung, verlässt sich auf kurze Momentaufnahmen und schafft so ein Mosaik der Heimatlosigkeit, dem alle zu entkommen versuchen. Paris, Litauen und Moskau sind die Schauplätze dieser Fluchtversuche, die schon vorab zum Scheitern verurteilt zu sein scheinen. Zu schwermütig ist Gena, der Drogendealer, der nur noch einen letzten Deal plant; zu illoyal seine Partner; zu verzweifelt seine beiden schönen Freundinnen. Und so wird der Wunsch nach einem anderen, besseren Leben unausweichlich zum blutigen, aussichtslosen Alptraum; eine Spirale aus schlechten Entscheidungen, die der Antiheld des Films so emotionslos und resigniert hinnimmt wie dann am Schluss sein eigenes Ende.
Irgendwann in der Mitte des Films, als die russische Freundin Gefahr läuft, von zwei betrunkenen Kerlen belästigt zu werden, platzt dem perfekten Berlinale-Besucher neben mir der plötzlich der Kragen und er flüstert: "Die sind ja noch schlimmer als die Türken" etwas lauter, als beabsichtigt. Dass ist jetzt also auch Berlinale, denk ich mir. Der Normalo, der nur aus Prinzip nicht NPD wählen würde, schiebt halt seinen widerlichen Arsch in die gleichen Sessel wie Di Caprio (Fresse) und Dieter Kosslick. Jetzt schwafelt er mit fauligem Atem etwas von "Gegen die Wand" - er hat bestimmt für jedes überholte Klischee nen Film parat; vielleicht sein einziger Grund, Cineast zu spielen: die Untermauerung einer Weltanschauung, für nur 7 Euro.
Vor mir auf der Leinwand eine Panoramaaufnahme von Paris, dann eine von Moskau und schließlich eine von Litauen - sie wirken wie die Anfänge eines neuen und immer gleichen Kapitels, ein einziges Welt - und gleichzeitig Stimmungsbild - groß, dreckig, gefräßig. Auch Berlin ließe sich problemlos einreihen, denke ich, aus dem Kino in die Kälte fallend. Auch hier könnten Bartas' Figuren - L'Indigènes D'Eurasie: die Ureinwohner zweier Kontinente, überall zu finden und nirgendwo daheim - umherirren. Man würde sie nicht erkennen - vielleicht, weil man ihnen selbst schon zu sehr ähnelt. Der Moloch kriegt uns alle.
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